Formel E

Nächster Teamkollegen-Crash! Jaguar kündigt nach Jakarta E-Prix "interne Aufarbeitung" an

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

Mitch-Evans-Sam-Bird-Formula-E-Indonesia

Keine fünf Minuten dauerte es, ehe Sam Bird ein eigentlich gutes Rennen von Jaguar TCS Racing in Jakarta vollständig zunichte gemacht hatte: Erst fuhr er seinem Teamkollegen Mitch Evans im Positionskampf ins Heck und nahm ihn somit aus dem Rennen - zum zweiten Mal in der aktuellen Saison! Dann geriet er auch noch mit Rene Rast (McLaren) aneinander. Jaguar-Teamboss James Barclay reagierte nach dem Rennen diplomatisch auf die Vorfälle, kündigte aber eine interne Untersuchung des wiederholten Teamkollegen-Crashs an.

Eine 5-Sekunden-Zeitstrafe und zwei Strafpunkte - dieses Strafmaß legten die Kommissare der FIA für den Vorfall zwischen Sam Bird und seinem Teamkollegen Mitch Evans fest. Der 36-Jährige Bird, der den E-Prix ohnehin weit außerhalb der Punkteränge beendete, wird diese Strafe verkraften können.

Weitaus zermürbender dürfte die teaminterne Jaguar-Nachbesprechung des Samstagsrennens werden. Denn Bird rauschte während des Laufs ins Heck seines Garagennachbarn - zum zweiten Mal in der Saison 2023! Bereits beim Hyderabad E-Prix in Indien hatte er Evans nach einem Verbremser aus dem Rennen gerissen. Nun die Neuauflage des Unfalls in Indonesien - mit ähnlichen Folgen.

Ungläubig stand Evans im Notausgang der ersten Kurve, nachdem Bird ihn gedreht hatte. "Sam hat mich einfach abgeschossen", sagte er am Teamfunk stutzig, ehe er seinen Wagen wendete und zur Rennaufgabe die Box ansteuerte.

Bird entschuldigt sich - Barclay kündigt Aufarbeitung an

Bird entschuldigte sich noch im Vorbeifahren bei Evans und hob entschuldigend die Hand vom Lenkrad. Am Funk sprach er davon, dass ihn der Geschwindigkeitsunterschied zwischen beiden Autos überrascht habe. Doch zu diesem Zeitpunkt war es schon zu spät für eine Erklärung - der Schaden war nicht mehr rückgängig zu machen.

"Ich übernehme die volle Verantwortung für den Vorfall heute auf der Strecke und möchte mich beim Team für den Fehler entschuldigen", wird Bird nach dem Rennen in der Pressemitteilung des Teams zitiert. "Wir hatten ein schwieriges Qualifying und ein schwieriges Rennen, und leider hat das Auto an diesem Wochenende noch nicht die Leistung gezeigt, die wir uns erhofft hatten. Wir werden uns heute Abend neu formieren und morgen gestärkt zurückkommen."

"Ich möchte mich nicht zu sehr dazu äußern", erklärt Mitch Evans bei 'Motorsport.com'. "Ich hatte ohnehin ein schwieriges Rennen, ich hatte viel mit der Pace zu kämpfen. Das Auto war sehr schwierig zu fahren."

"Es war ein unglücklicher Unfall", so der Neuseeländer weiter. "Wir haben noch viel Arbeit vor uns, um morgen als Team einen guten Tag zu haben. Leider ist es schon das zweite Mal in diesem Jahr, das tut weh. Wir haben ein paar Punkte verpasst, was nicht gut ist. Die Hauptsache ist, dass wir versuchen, die Autos für morgen schnell zu machen."

"Das war nicht das Ende des Rennens, das wir uns vorgestellt hatten", sagte Jaguars Teamchef James Barclay nach dem Rennen diplomatisch. "Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Sam sieben Plätze gewonnen, und auch Mitch war auf Punktekurs. Mehr zu sagen gibt es nicht. Wir werden das intern aufarbeiten und dann nach vorn blicken. Denn es bringt nichts, immer zurückzuschauen."

Beide Fahrer hätten unmittelbar nach dem Rennende miteinander gesprochen, berichtete Krisenmanager Barclay. Darauf habe er Wert gelegt. "Wir werden sicherstellen, dass das nicht mehr passiert. Allerdings gehört das auch zum Sport dazu, denn man kann nicht jeden Tag gewinnen. Wir müssen den Neustart-Knopf drücken und morgen wieder von vorn anfangen."

Rast nimmt Bird aus Punkterennen

Für Bird war der E-Prix nach dem Unfall noch nicht vorbei. Nur drei Runden nach dem Evans-Crash geriet er im Platzkampf mit Antonio Felix da Costa (Porsche) auf den verschmutzten Teil der Strecke, wodurch wiederum Rene Rast (McLaren) aufschloss und sich neben Bird setzte. Ungestüm touchierte Rast den Briten, der sich daraufhin drehte und wie zuvor schon Evans in die Wand einschlug. Das Rennen beendete Bird mit einem leicht beschädigten Wagen auf Position 21. Rast wurde bestraft und landete auf Rang 15.

Meinung von Tobias Bluhm: Unfall zur Unzeit

Der Doppel-Crash von Bird in Indonesien ist das Salz in einer wieder aufgerissenen Wunde. Seit Monaten hadert der Brite mit seiner eigenen Form, die partout nicht auf eine Stufe mit Evans kommen will. In den Trainings zum Jakarta-Rennen wirkte er zum ersten Mal seit längerer Zeit sogar schneller als Evans, ehe ihm ein enttäuschendes Qualifying abermals nur Startrang 17 einbrachte. Eine sehenswerte Aufholjagd führte ihn bis in die Top 10 - und letzten Endes ins Heck von Evans.

Der Unfall-Unmut kommt für Bird zur Unzeit. Medial musste sich der Brite in den vergangenen Wochen immer wieder Kritik gefallen lassen. Auch seine vertragliche Zukunft wurde von Medienkolleg:innen schon infrage gestellt. Tauscht er 2024 sein Cockpit mit dem erfolgreichen Nick Cassidy vom Jaguar-Kundenteam Envision, ähnlich wie es Porsche und Andretti 2023 mit Andre Lotterer taten? Wäre ein Wechsel zu einem anderen Formel-E-Team eine Option? Sollte Bird seinen Fokus nach neun Jahren Formel E verstärkt auf die WEC legen?

Die erneute Kollision mit Evans macht die Suche nach Antworten auf diese Fragen keineswegs einfacher. Dass James Barclay bei leistungsbedingten Entscheidungen keine Scheu vor Umbrüchen hat, machte er schon 2019 deutlich, als er binnen weniger Monate ein Cockpit von Nelson Piquet jr. über Alex Lynn zu James Calado weiterreichte.

Während Evans abermals zum erweiterten Kreis der Titeljäger gehört - ohne die Unfälle in Hyderabad und Jakarta wäre er in der WM wohl noch besser positioniert -, steht für Bird inzwischen die eigene Zukunft bei Jaguar auf dem Spiel. Immerhin: Die Gelegenheit zur Wiedergutmachung bekommt er schon am Sonntag, wenn die Formel E ein zweites Mal in Indonesien fährt. Das Rennen beginnt abermals um 10 Uhr deutscher Zeit.

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