Formel E

Nervig oder Nervenkitzel? Formel-E-Analyse zur "Reise nach Jerusalem" in Portland

Timo Pape

Timo Pape

Formula-E-Cars-Portland

Wie schon bei den Rennen in Sao Paulo und Berlin erwarteten Formel-E-Fahrer und -Teams schon im Vorfeld des Portland E-Prix die nächste "Windschattenschlacht". So kam es auch. 403 Überholmanöver feierte die Elektroserie nach Rennschluss. Kommentare von Fahrern und Fans gingen tendenziell eher in die gegenteilige Richtung, denn "echt" waren bei Weitem nicht alle Überholmanöver. Schließlich wollte wieder mal niemand führen. Nichtsdestotrotz hatte das Rennen auch seine Reize, meint e-Formel.de Redakteur Timo Pape. Eine Analyse.

Beim Kinderspiel "Reise nach Jerusalem" geht es darum, jede Runde den Platz zu wechseln. Erst am Ende kommt es drauf an, auf dem letzten verbliebenen Stuhl zu sitzen. So ähnlich war es auch bei der Formel E in Portland. Warum, wissen aufmerksame Formel-E-Fans inzwischen nur zu gut: Wer im Windschatten eines anderen Piloten fährt, spart in schnellen, flüssigen Streckenpassagen erheblich Energie und hat damit bessere Chancen auf den Sieg. Der Führende verbraucht folgerichtig mehr Strom und hat gegen Rennende einen Nachteil, weil er langsamer fahren muss als seine Gegner.

So kam es auch im US-Staat Oregon teilweise wieder zu absurden Szenen. Etwa als sich ein Nissan-Fahrer am Ende von Start/Ziel auf der linken Spur so früh ausrollen ließ, dass gleich eine Handvoll Autos an ihm vorbeifahren konnten. Oder wildes Zick-zack-Fahren auf den langen Geraden, um dem Hintermann den Windschatten zu nehmen. Die Folge war abermals eine chaotische erste Rennhälfte, in der mutmaßlich nur die wenigsten Zuschauer:innen nachvollziehen konnten, wer eigentlich der Favorit auf den Sieg war.

"In den ersten 15 Runden waren alle mit verschiedenen Strategien unterwegs, was es sehr unübersichtlich gemacht hat", findet auch Jake Dennis, der letztlich als Zweiter ins Ziel fuhr und damit einen Formel-E-Rekord einstellte. "Im ersten Viertel bin ich nie mit Vollstrom gefahren - keiner wollte führen. Am Ende bin ich einfach nur froh, dass wir mit diesem Rennen durch sind." Auch andere Fahrer teilten die Meinung des Andretti-Piloten, wenngleich Sieger Nick Cassidy durchaus "Spaß" hatte. Gut - er hat auch den letzten Stuhl beim berühmten Kinderspiel ergattert.

Fan-Stimmen zum Portland E-Prix

Im Internet zeichnete sich bei den Fans ein tendenziell ähnliches Meinungsbild ab, etwa auf den verschiedenen Social-Media-Kanälen oder in unserem Kommentarbereich auf e-Formel.de. "Das war das lächerlichste Rennen seit Valencia 2021", meinte beispielsweise unser Leser Stefan. "Die Gen3-Autos und die ultra-taktische Fahrweise passen einfach nicht zu einem Hochgeschwindigkeitskurs. Eine Runde Sprint wäre spannender gewesen."

Formel-E-Fan Chris schreibt: "Der Portland E-Prix war gefühlt der Tiefpunkt der Saison und ein Offenbarungseid." Das Qualifying sei zudem unnötig gewesen, "weil das Rennen eh so langsam war, dass man von Platz 20 auf Platz 4 fahren konnte." Damit spielt er auf die Aufholjagd von Mitch Evans an, der trotz letzter Startreihe dank seines effizienten Jaguar-Antriebs ganze 16 Positionen gutmachen konnte.

Formel E: Höhepunkte des Rennens in Portland

 

Meinung von Timo Pape: Portland hatte durchaus seine Reize

Wir haben diesem Thema bereits nach dem Sao Paulo E-Prix einen analytischen Kommentar gewidmet - seinerzeit gab es übrigens "nur" 114 Überholmanöver. Und wir haben damals schon festgestellt: Solang es das aktuelle Gen3-Auto und Strecken mit sehr langen Geraden gibt, wird das "Problem" des Vorbeiwinkens nicht verschwinden. Nach unseren Informationen plant die Formel E eine aerodynamische Anpassung der Gen3-Karrosserie zum Saisonstart 2025 (Gen3EVO). Bis dahin wird es allerdings noch Rennen in Sao Paulo, Berlin und Portland geben. Wir müssen uns als wohl oder übel mit dieser anderen Art des Racings anfreunden - oder eben abschalten.

Ich muss allerdings sagen: Für mich zählte der Portland E-Prix zu den besseren Rennen in dieser Saison. Zwar ist mir die Vorbeiwinkerei auch deutlich zu viel. Doch das riskante Abbremsen und Beschleunigen direkt nebeneinander war stets eine Gratwanderung. Die Fahrer mussten die Konzentration hochhalten, um bei Abständen von wenigen Zentimetern nicht zu kollidieren. Durch die hohen Geschwindigkeiten in Portland wuchs das Risiko und damit auch der Reiz beim Zusehen.

Zwischenzeitlich fühlte ich mich an packende F1-Duelle in der Curva Grande von Monza erinnert. Oder an Oval-Rennen mit hohen Geschwindigkeiten und geringen Abständen, bei denen Zentimeter über Erfolg oder Desaster entscheiden können (Kritik für diesen Vergleich bitte unten in die Kommentare). Dies war ein mehr oder weniger neues Element in der Formel E, das mich durchaus gefesselt hat. Zumal das letzte Renndrittel mit seinem Mehrkampf um den Sieg extrem spannend und von hochklassigen "echten" Angriffen geprägt war.

Nichtsdestotrotz kann ich persönlich klassischen Rennstrecken nicht viel abgewinnen und freue mich nun auf die vier noch ausstehenden Rennen auf waschechten Formel-E-Stadtkursen in Rom und London. Nichts geht über enge Straßen und nahe Mauern. Hier liegt für mich der wahre Reiz der Formel E. Aber auch bei Hochgeschwindigkeitsrennen ist nicht alles schlecht. Ich halte es wie Bernie Ecclestone und Alejandro Agag: Die Unterhaltung steht über allem.

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3 Kommentare

Florian ·

Puh, nee, da muss ich leider sagen, selbst wenn die Bilder spektakulär wirken mögen, für mich als angestammten Motorsportliebhaber, der aus sportlicher Sicht drauf schaut, sind die Energie-Spar-Rennen schwer zu ertragen. Die Formel E im Qualifying funktioniert super auf permanenten Rennstrecken! Nur schade, dass man sich das (ohnehin durch die Duelle in die Länge gezogene) Quali zur Zeit komplett sparen kann.

An den Autos umzubauen wird vielleicht helfen, aber ehrlich, das kommt doch viel zu spät. Wenn alle Energie sparen wie verrückt, dann muss mehr Energie her. Da die Kapazität nicht schnell mal erweitert werden kann, hieße das: Renndistanz kürzer machen bei gleicher Energiemenge. Dann steht das Sparen nicht mehr so krass im Vordergrund. Oder die Vorgabe eines Energiekontingents pro Runde, das man verfahren muss oder es verfällt.

So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben. Da kann man den Weltmeister auch gleich auslosen. Die Auffahrunfälle sind ebenfalls zurück. Eine gebrochene Hand gabs bereits, wie viele kommen noch?

Außerdem: Wir müssen über Attack Mode reden. Mich macht die jüngste Änderung sprachlos, sie wirkt komplett weltfremd. In einem Rennen, in dem jeder nur drauf aus ist, Energie zu sparen, bekommt man jetzt also 8 Minuten "erhöhte Energie". Da könnte man auch 20 Minuten draus machen, wer soll denn motiviert sein, das zu nutzen? Jeder versucht einfach, den Nachteil durch das Durchfahren der Schleifen so gering wie möglich zu halten und lässt dann den potenziellen Boost bewusst verfallen. Großer Crash? Schnell, fahr durch die Schleifen, dann läuft der Attack Mode "zum Glück" während der SC-Phase! Da können die TV-Kommentatoren noch so oft über die "zusätzliche Energie" reden und elegant verschweigen, dass seit Saisonbeginn mit dem "Boost" absolut NICHTS passiert.

Attack Mode ist in dieser Saison 2x Strafrunde. Würde mich echt freuen, wenn ihr das mal mit einer Analyse kritisch beleuchtet.

KrazyKennez ·

Hab im Laufe dieser Saison die Lust auf Formel E nach 9 Jahren vollem Support zunehmend verloren aufgrund der lächerlichen Taktikspielchen im Rennen und des aufgeblähten Qualifyings. Der Portland ePrix hat das nur weiter zementiert.

Natürlich geht es über Glück hinaus geht, dass Cassidy, Dennis, Wehrlein und Evans um den Titel kämpfen, doch wie Florian oben schon schreibt, kann man gefühlt den Weltmeister auch auslosen. Die Crux hinter dem Attack Mode war schon immer, dass man als Fahrer/Renningenieur den zeitlichen Verlust durch die Aktivierung möglichst gering halten will, also das Attackieren, was der Name verspricht, kommt nur selten vor, Konzept leider gescheitert, ist nix Neues. Aber diese Saison ist auch das zunehmend zur Farce geworden, da er rein defensiv genutzt wird, um die Führung abzugeben oder ihn einfach schnell loszuwerden, scheinbar ganz unabhängig von theoretischer Extra-Leistung.

Den Rest der Saison werden die Rennen noch angeguckt, wenns eh nur noch 2 Stationen sind und dann heißt es wohl abschalten.
~Ein enttäuschter Fan der Serie

Mitch ·

Nun, ich kann die obigen Kommentare durchaus nachvollziehen. Speziell dann, wenn man ein "klassischer" Motorsportfan ist. Als solchen würde ich mich nicht (mehr) sehen, ich verfolge beispielsweise die Formel 1 seit fast einer Dekade nur sporadisch. Weil es mich ankotzt, dass vorher schon klar ist, wer das Rennen gewinnt (früher Vettel, dann Hamilton, jetzt Verstappen). Der Führende nach Runde eins ist meist auch der Sieger, nach drei, vier Runden liegen die Autos bereits mehrere Sekunden auseinander. Ein Segen, dass Agag und Co. die Formel E ins Leben gerufen haben. Denn die ist nun mal ganz und gar anders. Und noch dazu weder dreckig, stinkend oder laut. Natürlich kann man jetzt sagen, dass das Rennen in Portland das schlechteste der Saison war. Dann misst man es aber (vielleicht unbewusst?) an all den anderen Rennen im Kalender. Ein unfairer Vergleich, da ja auf einer permanenten Rennstrecke gefahren wurde. Ich hab das Rennen von Anfang an anders gesehen und bin ohne jede Erwartung da rein gegangen. Ich dachte mir: "Schau mer mal". Und ich muss sagen, es hat sich dann doch gelohnt, um 1:30 Uhr morgens aufzustehen. Denn was ich gesehen habe war: Ein Rennen, bei dem lange nicht klar war, wer denn der Sieger sein würde. Bis zum Ende war alles offen. Ganz, ganz anders als das oben erwähnte Beispiel in der F1. Viele Überholmanöver (und mir ist es letztlich wurscht, ob absichtlich oder nicht) und alles eng beisammen. Warum ich die Formel E schaue? Ich will unterhalten werden und das passiert (Gott sei Dank!) fast jedes Mal. In der F1 sitze ich, wenn ich denn schaue, meist gelangweilt vor dem Fernseher und neige dazu, durch Insta-Reels zu scrollen. Das ist für mich dann meist das Zeichen, abzuschalten. Mich stört auch nicht, dass der Attack Mode anders benutzt wird, als er gedacht ist. Sei's drum! Er wird genutzt und erzeugt Spannung. Ich hab da keine Erwartung dahingehend, ich will unterhalten werden. Vielleicht geht es genau darum: Wir sind viel zu geprägt vom "klassischen" Motorsport. Die Formel E ist keineswegs klassisch, sondern anders, neu und individuell. Gut so! Vieles darf noch verbessert werden, aber tendenziell ist man da auf dem richtigen Weg, finde ich. Denn, und das ist ja die Absicht von Agag & Co, man will mit der Formel E unterhalten. Das gelingt, wenn ich sehe, wie mein acht Jahre alter Sohn vor dem TV sitzt und seine Augen strahlen, weil da Action auf der Strecke ist (denn es ist ja seine Generation und die ein, zwei Generationen danach, die man vor allem ansprechen will). Weils da sympathische, nahbare Typen gibt wie einen Da Costa oder Sette Camara. Und weils streitbare Typen gibt, fast schon Rowdys, wie einen Dan Ticktum. Seit mein Sohn die Formel E mit mir sieht, sehe ich alles wieder viel mehr durch die Augen eines Kindes. Und dann macht's einfach so viel Spaß. Ich hab aufgehört, das alles so analytisch zu sehen, sondern erfreue mich einfach an der Show, die da dargeboten wird. Da gibt's noch immer viel Potenzial, das genutzt werden darf. Aber Spaß macht's mir jedes Mal. Ich bin Fan der Serie und werde das auch bleiben. Weil's mich abholt und ich mich da drin wiederfinde.

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