Formel E

Offener WM-Titelkampf beim Saisonfinale: Die XXL-Rennvorschau auf den Berlin E-Prix 2021

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

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Die letzte Station im Formel-E-Rennkalender 2021 steht an. Etwas mehr als fünf Monate nach dem Auftaktrennen in Saudi-Arabien beschließt die Elektrorennserie ihr erstes Jahr als FIA-Weltmeisterschaft am kommenden Wochenende in Berlin. Das Event auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof ist das vorerst letzte für die Werksteams von Audi und BMW, bildet zugleich aber auch den Abschluss eines einzigartigen Titelkampfes.

Rechnerisch haben nach wie vor 18 der 24 Fahrer die Möglichkeit, sich in Berlin zum Formel-E-Weltmeister 2021 zu krönen. Als Gesamtführender reist Nyck de Vries (Mercedes) in der besten Ausgangslage in die deutsche Hauptstadt, als Favoriten gelten durch das besondere Qualifying-Format der Formel E und die ausgesprochen kleinen Punkteabstände jedoch eher seine Verfolger.

Neben dem Titelkampf bei den Fahrern und Teams richten sich alle Augen selbstverständlich auf Audi und BMW. Beide Konstrukteure verabschieden sich beim Heimrennen von ihren deutschen Fans, denn bereits in der Saison 2022 werden die Werksmannschaften nicht mehr in der Startaufstellung der Formel E stehen. Was du vor dem Berlin E-Prix wissen musst, erfährst du wie immer in unserer Rennvorschau.

Stadt, Land, Fluss

Die Formel E fährt in Berlin auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof. Bis zur Schließung im Jahr 2008 landeten täglich tausende Passagiere auf dem weitläufigen Hauptstadt-Airport, der von den Berliner:innen inzwischen als öffentlicher Park genutzt wird.

Eröffnet wurde "THF" im Jahr 1923, zunächst mit zwei hölzernen Flugzeughallen und einem Stationsgebäude. Das heutige Flughafengebäude entstand unter Anleitung des Nazi-Architekten Ernst Sagebiel und wurde 1941 fertigstellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte der Tempelhofer Flughafen eine zentrale Rolle bei der Versorgung Berlins, als die Sowjetunion während der Berliner Luftbrücke den Ost- von den West-Sektoren abschnitt.

Rückspiegel | Was seit dem London E-Prix geschah

Der kontroverse Safety-Car-Trick von Lucas di Grassi und Audi wurde in den vergangenen Wochen heiß diskutiert. Die Ingolstädter kündigten zunächst einen Protest gegen di Grassis Disqualifikation an, entschieden sich letztlich jedoch gegen rechtliche Schritte.

Auf dem Fahrermarkt bestätigten sich währenddessen die nächsten Gerüchte, wenngleich Formel-E-Fans nicht von den ersten Vertragsverlängerungen überrascht sein dürften: Robin Frijns wird 2022 ein weiteres Jahr bei Envision Virgin Racing bestreiten, Mitch Evans bleibt bei Jaguar Racing. Nicht mehr dabei ist schon in Berlin der bisherige Teamchef von Nio 333, Christian Silk. Der 55-Jährige übergab vor dem Saisonfinale die Verantwortung an Russell O'Hagan, der übergangsweise die Teamleitung übernimmt.

Zeitplan | Das Formel-E-Rennen in Deutschland

Wie schon in London erstreckt sich das Berlin-Rennwochenende über drei Tage. Den Auftakt bildet dabei das 1. Freie Training bereits am Freitagnachmittag. Der Rennsamstag beginnt um 8:00 Uhr mit einem weiteren Training und der ersten Qualifikation, ehe das Rennen um 14:04 Uhr startet. Sonntags finden ebenfalls zwei Freie Trainings und ein Qualifying statt, Rennstart ist dieses Mal jedoch erst um 15:34 Uhr.

Session Freitag (13.08.) Samstag (14.08.) Sonntag (15.08.)
Shakedown 14:00 Uhr    
1. Freies Training 17:00 Uhr   08:00 Uhr
2. Freies Training   08:00 Uhr 09:30 Uhr
Qualifikation   10:00 Uhr 11:30 Uhr
Rennen   14:04 Uhr 15:34 Uhr

Strecke | Einmal vorwärts, einmal rückwärts

Das Vorfeld des Flughafens Tempelhof bietet den Streckendesigner:innen der Formel E jede Menge kreative Freifläche. Nachdem die Elektrorennserie bereits 2020 Erfahrungen mit mehreren Layouts machte, wird sie auch in diesem Jahr zwischen beiden Renntagen die Streckenführung anpassen.

Der Rundkurs soll in zwei Richtungen befahren werden: am Samstag gegen den Uhrzeigersinn, am Sonntag mit dem Uhrzeigersinn. Über Nacht müssen dafür einige Mauern versetzt werden, um den hohen Sicherheitsanforderungen der FIA gerecht zu werden.

Durch die Umkehr der Fahrtrichtung verändert sich die Streckencharakteristik maßgeblich, allen voran in der Attack-Zone in Kurve 6 (Sa.) beziehungsweise Kurve 5 (So.). Der "Tempelhof Airport Street Circuit" ist in beiden Konfigurationen 2,377 Kilometer lang und umfasst 10 Kurven.

TV & Livestream | Der Berlin E-Prix der Formel E

Alle deutschen Fans, die nicht zum Berlin E-Prix an die Rennstrecke reisen, können auch beim Saisonfinale auf Sat.1 vertrauen. Der Privatsender zeigt beide Läufe aus der Hauptstadt live im Free-TV. Die Übertragungen beginnen jeweils 30 Minuten vor dem Rennstart mit der Vorberichterstattung. Am Mikrofon sitzt unter anderem der Ex-Fahrer Daniel Abt, der den Hauptkommentator Eddie Mielke als Experte unterstützen wird.

Alle Freien Trainings kannst du in einem kostenfreien Livestream auf e-Formel.de verfolgen. Die Qualifyings gibt es erneut nur auf ran.de, weil der für e-Formel.de bereitgestellte Webplayer seit vielen Wochen überarbeitet wird und weiterhin leider nicht genutzt werden kann. Wir begleiten das gesamte Rennwochenende zudem in unserem LGT Formel-E-Liveticker, der sich ideal als "Second-Screen" für zusätzliche Informationen oder als Lösung für unterwegs anbietet.

>>> ausführliche TV- & Livestream-Übersicht zum Formel-E-Rennen in Berlin

Fans in Österreich können die Formel E in Berlin bei ORF1 verfolgen - allerdings nur das Sonntagsrennen. Samstags ist nach aktuellem Stand auch beim bisherigen TV-Partner Eurosport keine Übertragung geplant. Lediglich im kostenpflichtigen Eurosport Player wird der erste Teil des E-Prix-Wochenendes zu sehen sein. Dasselbe gilt für die Schweiz, wo jedoch wie üblich auch MySports One die Formel E ausstrahlt.

Qualifying-Gruppen | Übersicht für den Berlin E-Prix

Eine entscheidende Rolle im Titelkampf 2021 könnten die Gripverhältnisse im Qualifying spielen. In der Formel E werden die Fahrer für das Qualifying in Sechsergruppen eingeteilt. Die Rennserie verfolgt damit das Ziel, allen Piloten (zumindest in der Theorie) die Gelegenheit zu einer "freien Runde" zu geben.

Die Aufteilung der Gruppen erfolgt anhand der aktuellen Zwischenstände in der Fahrermeisterschaft: Die besten sechs Fahrer starten in Gruppe 1, ihre nächsten Verfolger in Gruppe 2 und so weiter. Für den Berlin E-Prix (Samstag) ergeben sich die folgenden Gruppen.

Wettervorhersage | Großstadtsommer beim Finale

Nachdem der Sommer in Deutschland bislang von ungewöhnlich niedrigen Temperaturen gekennzeichnet war, könnte es beim Berlin E-Prix endlich wärmer werden. Bei leichter Bewölkung sind am Wochenende bis zu 27 Grad Celsius möglich. Dabei bleibt es aller Voraussicht nach trocken, wenngleich exakte Prognosen mehrere Tage vor dem Event nicht möglich sind.

Fast Facts | Berlin

  • Der Berliner Stadtteil Tempelhof verdankt seinen Namen den christlichen Tempelrittern. Um das Jahr 1200 gründeten sie im heutigen Berliner Süden eine Komturei, die auch die Dörfer Mariendorf und Marienfelde umfasste. Die drei Quartiere bilden seit 2001 gemeinsam mit Friedenau, Lichtenrade und Schöneberg den "Doppelbezirk" Tempelhof-Schöneberg.
  • Die gelben Busse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) gehören genauso zum Stadtbild wie Dönerläden und die knapp 1.000 "Spätis". Die offizielle Farbe der BVG hat sogar einen Namen: "Verkehrsgelb" (Hex-Wert: #F0D722).
  • Mit 3,6 Millionen Menschen leben in Berlin so viele Menschen wie in keiner anderen deutschen Stadt. Trotzdem bestehen rund 44 Prozent des Stadtgebiets aus Wasserstraßen, Wäldern, Flüssen und Grünanlagen.
  • In keiner Stadt gastierte die Formel E öfter als in Berlin: Bislang fanden zwölf Rennen in der Hauptstadt statt. Statistisch gesehen startete somit jedes siebte Formel-E-Rennen in Deutschland.
  • Die Fahrer, die bei den Berlin-Rennen antraten, legten bislang eine beeindruckende Gesamtstrecke von 22.818 km zurück (kumuliert). Diese Distanz entspricht etwas mehr als einer halben Erdumrundung.

Video: Die besten Überholmanöver beim Berlin E-Prix 2020

Prognose | Wer wird der 1. Formel-E-Weltmeister?

Dem Berlin E-Prix 2021 wird eine besondere Bedeutung zuteil - ganz abgesehen von den Ausstiegen von Audi und BMW. Schließlich fällt in der Hauptstadt die Entscheidung in der ersten offiziellen Formel-E-Weltmeisterschaft. Der Status bringt eine Menge Prestige mit sich, jedoch wird sich der neue Champion auch als Sieger des engsten Titelkampfes in der noch kurzen Geschichte der Elektroserie feiern lassen dürfen.

Insgesamt 18 Fahrer haben noch die rechnerische Möglichkeit, in den Titelkampf einzugreifen. Fünf von ihnen könnten sogar Meister werden, ohne ein einziges Rennen gewonnen zu haben. Die Wahl eines Topfavoriten könnte somit kaum schwerer sein. Auch innerhalb unserer Redaktion gibt es mehrere Meinungen zu möglichen Kandidaten.

Tobias Bluhm: Stoffel Vandoorne liegt in der Gesamtwertung derzeit auf Platz 13 - und dennoch ist er mein WM-Favorit. Seine aktuelle Position sichert ihm in der ersten Hälfte des Wochenendes eine Teilnahme in Qualifying-Gruppe 3. Gemeinsam mit dem starken Mercedes-Motorenpaket klingt das nach einem guten Rezept für den Titelgewinn.

Svenja König: Rene Rast kann im ersten Rennen von Berlin mit einem Top-10-Ergebnis einige Punkte in der Meisterschaft sammeln, aber seinen Startplatz in der zweiten Qualifying-Gruppe behalten. Mit etwas Glück im Qualifying reicht es am Sonntag für einen Topstartplatz und nach einem Rennverlauf ohne Zwischenfälle für den Fahrertitel in seiner ersten kompletten Formel-E-Saison. Ein Kunststück, was er in der DTM bereits erreicht hat - und das zum Audi-Abschied!

Timo Pape: Ich tippe auf Nyck de Vries, dem ich den WM-Titel vom psychologischen Mindset her neben Antonio Felix da Costa am ehesten zutraue. Er hat die meisten Punkte auf dem Konto, war zuletzt in Topform, und sein Mercedes dürfte in Berlin zu den schnellsten Autos zählen und gut überholen können. Ich denke, dass de Vries nach einem mittelmäßigen Qualifying am Samstag wenige Punkte holt, am Sonntag aber zulegen kann und erneut aufs Podium stürmt. Am Ende reicht es für ihn knapp gegen Felix da Costa.

Tobias Wirtz: Jean-Eric Vergne macht's! Als Zwölfter tritt er in der zweiten Qualifying-Gruppe an und wird so am Samstag deutlich vor den besserplatzierten Fahrern starten. Mit einem guten Ergebnis wird er sich auf den siebten oder achten Platz nach vorne schieben und Sonntag erneut in Gruppe 2 fahren. Mit einem weiteren guten Qualifying-Ergebnis wird er dann den Grundstein für seinen dritten Titel legen, den er mit einem Podiumsergebnis am Sonntag in "trockene Tücher" bringen wird.

Wer auch immer es am Ende wird: Die Formel-E-Saison 2021 wird uns wohl noch lange im Gedächtnis bleiben. Freuen wir uns auf ein spannendes Saisonfinale vor bis zu 5.500 deutschen Fans pro Tag an der Strecke - mögen die Besten gewinnen!

Übrigens: Auch beim letzten Rennen des Formel-E-Jahres 2021 haben unsere Leser:innen eine kostenlose Community-Tippspiel-Runde organisiert. Wer mitmachen möchte, hat noch bis zum Wochenende Zeit, die ersten Tipps abzugeben oder sich neu anzumelden!

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