"Ohne Einsicht keine Besserung": Formel-E-Fahrer mit Beschwerdebrief an FIA-Präsident Ben Sulayem
Tobias Wirtz
Wie die Kolleg:innen von The Race berichten, haben die Formel-E-Piloten einen von allen 20 Fahrern unterschriebenen Brief an den Präsidenten des Automobil-Weltverbandes FIA, Mohammed Ben Sulayem geschrieben. In diesem kritisieren sie äußerst scharf diverse Entscheidungen des Formel-E-Renndirektors Marek Hanaczewski sowie mangelnde Konsistenz der FIA-Sportkommissare und fehlendes Formel-E-Wissen bei den Ex-Piloten, die den Sportkommissaren an Rennwochenenden beratend zur Seite stehen.
Laut dem Medienbericht soll der Brief am 11. März von den Fahrervertretern Lucas di Grassi und Oliver Rowland an den FIA-Präsidenten versendet worden sein. Er beginnt mit der Feststellung, dass die Fahrer "Jahr für Jahr große Anstrengungen und Verbesserungen bei den lokalen Dachverbänden, den Sportwarten, der Sicherheit, den Streckenbedingungen, der technischen Fairness und den allgemeinen Abläufen erkennen".
In der Folge verschärft sich jedoch der Ton erheblich. Die Fahrer möchten ihre "gemeinsame und wachsende Besorgnis hinsichtlich des aktuellen Standards, der Konsistenz und der prozeduralen Einheitlichkeit der Kommissare und der Rennleitung innerhalb der Meisterschaft offiziell zum Ausdruck bringen". Sie fordern eine "interne Bewertung des Verständnisses und der Argumentation des Renndirektors in Bezug auf die sportlichen Regeln. Ohne die Fähigkeit – und die Bescheidenheit –, Fehler anzuerkennen und aus ihnen zu lernen, gibt es kaum Anzeichen für eine kontinuierliche Verbesserung." Sie stellten die Logik, die Führungsqualitäten, die Kommunikation und die Transparenz des Renndirektors in Frage.
Piloten fordern "Fahrerberater mit Formel-E-Erfahrung"
Aber nicht nur der Renndirektor wurde ausdrücklich kritisiert: Die Fahrer bemängelten ebenfalls die mangelnde personelle Kontinuität, der Entscheidungsfindung und der Verhängung von Strafen durch die Sportkommissare. Als Verbesserungsmaßnahmen fordern die Formel-E-Piloten unter anderem "Durchführung einer unabhängigen Überprüfung der Konsistenz der Sportkommissare" sowie die "Ernennung von Fahrerberatern mit direkter Formel-E-Erfahrung": Einen solchen Schritt hatte e-Formel.de in einem Kommentar bereits nach dem Saisonfinale 2023 angeregt. Mit Alex Sims hat auch bereits ein ehemaliger Formel-E-Pilot in der Vergangenheit diese Rolle ausgefüllt.
Mehrere der zentralen Forderungen bilden den Abschluss des Schreibens. Dazu gehören der Wunsch nach der Einrichtung eines "formellen, strukturierten Forums zwischen Fahrern und Rennleitung", die Veröffentlichung "klarerer und meisterschaftsspezifischer Richtlinien für die Sportkommissare, eine unabhängige Überprüfung der Einheitlichkeit der Sportkommissare" sowie die "Einführung von Mechanismen zur Fehlerkorrektur bei der Verhängung und Umsetzung von Strafen". Grund für den Brief sei nach Angaben von The Race zudem, dass die Fahrer sich mit ihren Anliegen seit Längerem nicht ausreichend gehört fühlten.
Die FIA reagierte auf Anfrage vergleichsweise allgemein. Ein Sprecher erklärte, man stehe mit Herstellern, Teams und Fahrern regelmäßig im Austausch, prüfe die zuletzt von den Fahrern vorgebrachten sportlichen Kritikpunkte und wolle den "proaktiven Ansatz" zur Weiterentwicklung der Meisterschaft fortsetzen.
FIA-Präsident Ben Sulayem, der in der Vergangenheit nur selten bei Formel-E-Rennen zu Gast war, plant demzufolge wohl einen Besuch beim Madrid E-Prix. Auch soll er nach Informationen von e-Formel.de bereits ein Antwortschreiben an die Fahrer verfasst haben, dessen Inhalt jedoch bislang nicht bekannt wurde.
Teamchefs vom Alleingang der Fahrer überrascht & distanzieren sich
Nicht informiert über den Brief waren die zehn Teamchefs in der Formel E: Erst nach der Zustellung des Briefs an den FIA-Präsidenten sollen diese davon erfahren haben. Als Reaktion sollen einige Teams darüber nachdenken, Bonuszahlungen für die Fahrer zu verweigern oder aber Geldstrafen zu verhängen. Die Vereinigung der Teams und Hersteller der Formel E soll sogar mit dem Verband in Kontakt gestanden haben, um sich von der Aktion zu distanzieren.
Insbesondere die direkte Kritik am Renndirektor soll dort nicht geteilt werden. "Ich finde, er hat gute Arbeit geleistet", so ein Teamchef bei The Race, der anonym bleiben wollte. "Er arbeitet mit den Teams zusammen und holt sich Feedback von den Fahrern. Daher bin ich mir nicht sicher, ob der Brief voll und ganz gerechtfertigt war."
Ob der Brief der Fahrer zu einem Umdenken bei den Verantwortlichen der FIA führen wird, ist zum aktuellen Zeitpunkt noch vollkommen unklar. Klar ist hingegen: Der Brief hat nicht rein zufällig seinen Weg in die Medien gefunden. "Das gehört wohl zum Plan", heißt es hinter vorgehaltener Hand bei der FIA.
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