Opel-Teamchef Jörg Schrott im Exklusiv-Interview: "Wir wissen, wo wir hinwollen"
Tobias Wirtz
Opel
Bei der offiziellen Vorstellung des Gen4-Fahrzeugs am Circuit Paul Ricard hat Opel einen weiteren Vorgeschmack auf sein Formel-E-Projekt gegeben. Ab der Saison 2026/27 tritt die Marke mit dem Opel GSE Formula E Team erstmals in der Elektro-Weltmeisterschaft an – unterstützt durch die Erfahrung des Stellantis-Konzerns, aber mit dem Anspruch eines eigenen Werksteams.
Im Gespräch mit e-Formel.de spricht Teamchef Jörg Schrott über die Gründe für den Einstieg, den Aufbau der neuen Teamstruktur, die Rolle von Rüsselsheim und die nächsten Schritte im Testprogramm. Außerdem erklärt er, warum das Gen4-Reglement für Opel zum richtigen Zeitpunkt kommt – und welche Erwartungen er an die Debütsaison stellt.
Jörg, der Gen4-Launch ist ein großes Event für die Formel E, aber auch ein großes Event für Opel. Ihr steigt zur kommenden Saison in die Formel E ein. Wie blickst du auf diese neue Aufgabe?
Mir ist sehr bewusst, wie komplex diese Aufgabe ist. Ich kenne die Marke seit vielen Jahren, und Opel kennt auch mich – deshalb wissen wir genau, unter welchen Voraussetzungen wir jetzt starten.
Das Thema Formel E lag schon vor drei Jahren auf dem Tisch, damals war es aber noch nicht der richtige Moment. Jetzt sind wir überzeugt, dass der Zeitpunkt passt. Ausschlaggebend sind für mich das ganzheitliche Gen4-Fahrzeugkonzept mit seiner enormen Performance sowie eine Kostenstruktur, die einen sinnvollen Return on Investment bietet. Das Cost-Cap-Konzept ermöglicht Motorsport auf Weltmeisterschaftsniveau zu vertretbaren Kosten.
Ich bin sicher, dass dieses Auto der Formel E allein über seine Performance zusätzliche Fans bringen wird. Die Zuschauer werden sehen, wie schnell und spektakulär es ist. Dazu haben wir tolle Fahrer und spannende Rennen – ich blicke deshalb voller Vorfreude auf das Projekt.
Stellantis-Know-how "sehr wichtig & ein großer Vorteil"
Opel ist neu in der Formel E. Im Hintergrund steht aber mit Stellantis ein Konzern, der bereits Erfahrung in der Serie gesammelt hat. Wie wichtig ist es, auf diesem Know-how aufzubauen?
Das ist sehr wichtig und ein großer Vorteil. Im Stellantis-Verbund können wir auf vorhandenes Wissen und große Teile des bestehenden Entwicklungsprogramms zurückgreifen. Diese Basis ist sehr stark.
Wir haben als reines Werksteam keinen zusätzlichen Einsatzpartner, was uns Vorteile bei der Entscheidungsfindung und bei der Geschwindigkeit in der Umsetzung gibt. Jetzt geht es darum, dieses Potenzial richtig zu nutzen.
Zum ersten Mal tritt Stellantis mit einem eigenen Team an. Bislang war der Konzern vor allem Antriebshersteller und -lieferant, mit Opel entsteht nun ein echtes Werksteam. Wie weit ist der Teamaufbau bereits?
Bei Stellantis arbeiten mehr als 100 Menschen am Formel-E-Programm, und Opel-Mitarbeiter sind bereits in dieses Team integriert. Dazu gehören Ingenieure, Spezialisten für Simulation sowie Experten, die sehr stark im mathematischen Bereich sind und beispielsweise Algorithmen für Rennstrategie entwickeln. Das sind sehr gute Leute.
Nun geht es darum, für die Race-Operations in Rüsselsheim eine Einheit zu schaffen, die die Rennvorbereitung übernimmt - mit einem eigenen Simulator, natürlich vernetzt mit Stellantis. Dort soll auch die Rennstrategie eigenständig entwickelt werden.
Die Anforderungen sind hoch: Wir brauchen Menschen, die nicht nur sehr gut sind, sondern idealerweise auch spezifische Erfahrung in der Formel E mitbringen. Wir sind da auf einem guten Weg.
Du hast den Simulator und die Rennvorbereitung angesprochen. Wird diese Struktur in Rüsselsheim entstehen oder sitzt das Team zunächst in Frankreich?
Der Start ist pragmatisch organisiert. Das hängt auch damit zusammen, dass Opel in Rüsselsheim derzeit umfassend umbaut: mit neuem Headquarter und neuen Motorsport-Facilities, die integriert werden sollen. Solche Projekte benötigen Zeit. Deshalb bedeutet die aktuelle Lösung für uns zunächst etwas mehr Reisetätigkeit. Entscheidend ist aber der Ein-Team-Ansatz.
Natürlich stellt unsere Opel-Motorsport-Abteilung schon heute eine wichtige Verbindung dar. Wenn man in einen Simulator investiert, muss dieser langfristig aber im finalen Motorsport-Bereich eingebaut werden. Deshalb warten wir, bis die Voraussetzungen dafür gegeben sind.
Für ein neues Team ist der Einstieg schwierig, gerade wenn man gegen etablierte Mannschaften antritt. Wie groß ist diese Herausforderung?
Das ist definitiv eine Herausforderung. Entscheidend ist, ein Team zu haben, das den Willen und den Geist mitbringt, wirklich gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Ich bin zuversichtlich, dass wir genau diese Struktur aufbauen können. Wir wissen, wo wir hinwollen.
Bei der Bekanntgabe des Opel-Einstiegs in Madrid sagte euer CEO Florian Huettl mit Blick auf die Fahrer, ihr hättet gerne eine Frau im Programm. Mit Sophia Flörsch habt ihr inzwischen eine Test- und Entwicklungsfahrerin verpflichtet. Er sprach außerdem von einem erfahrenen Fahrer und einem jungen Piloten, der sich in Nachwuchskategorien bewährt hat. Wie weit seid ihr bei dieser Entscheidung?
Namen möchte ich noch nicht nennen. Aber wir sind sehr weit und haben ein gutes Gefühl. Der Mix wird genau in die Richtung gehen, die du angesprochen hast: ein Fahrer, den ihr alle kennt, mit viel Erfahrung - auch in der Formel E - und ein junger Mann, der sehr stark sein wird. Unser Ziel ist es, die Fahrer so schnell wie möglich in das Testprogramm einzubinden. Ich bin optimistisch, dass uns das sehr bald gelingt.
Finale Vorstellung auf dem Pariser Automobilsalon
Wann können wir mit einer Bekanntgabe der Fahrernamen rechnen?
Auf dem Pariser Automobilsalon stellen wir alle Details unseres Programms und das Auto in seinem endgültigen Design vor. Klar ist: Das machen wir gemeinsam mit unseren finalen Rennfahrern.
Kommen wir zum Gen4-Fahrzeug. Das Auto ist bereits gefahren, auch bei Herstellertests gemeinsam mit anderen Marken. Wie ist euer bisheriger Eindruck? Geht es noch um grundlegende Themen oder seid ihr schon weiter?
Wir sind bereits viele Kilometer gefahren. Porsche hat eine Zahl genannt (Anmerkung der Redaktion: 1.860 km) - in diesem Bereich bewegen wir uns ebenfalls. Dabei waren noch nicht von Beginn an alle Systeme an Bord, teilweise sind wir noch mit Hybridlösungen gefahren. In dieser Phase ging es vor allem um die Zuverlässigkeit einzelner Teile.
Das ist sehr gut verlaufen. Wir sind ohne größere Probleme viele Kilometer gefahren. Parallel laufen seit Monaten alle Komponenten auf den Prüfständen. Jede einzelne Komponente wird auf Zuverlässigkeit, thermische Belastung und weitere Faktoren getestet. Jetzt ist das Auto zu 100 Prozent komplett. Nach dem Berlin E-Prix beginnt die erste Testwoche mit dem vollständigen Fahrzeug.
Welche Schwerpunkte setzt ihr in diesem Testprogramm?
Unser Programm ist sehr umfangreich. Es geht um Zuverlässigkeit im Zusammenspiel der einzelnen Komponenten. Ein weiterer Schwerpunkt ist der gesamte thermische Haushalt, der mit Blick auf die Performance eine wichtige Rolle spielt. Für die heiße Jahreszeit haben wir Strecken in Südeuropa gewählt, um das Auto auch unter diesen Bedingungen zu testen. Natürlich geht es außerdem darum, die Aerodynamik unter allen Bedingungen final zu verstehen.
Welche Rolle spielt dabei der neue Reifen, der ja von der Firma Bridgestone kommen wird?
Der Reifen ist ein entscheidender Faktor. Er muss im idealen Temperaturfenster arbeiten, um die bestmögliche Performance zu liefern. Wenn wir in die Saison gehen, brauchen wir einen klaren Plan, wie wir mit dem Reifen umgehen – auch in Verbindung mit den Chassis-Einstellungen.
"Wir haben einen klaren Plan"
Wie entwickelt sich das Testprogramm vom Grundverständnis hin zum Feintuning?
Vereinfacht gesagt arbeiten wir uns von den großen Bausteinen immer weiter ins Detail vor. Am Anfang stehen Zuverlässigkeit und Vollperformance-Tests unter bestimmten Bedingungen. Danach geht es zunehmend darum, das gesamte Paket immer besser zusammenzubringen. Das betrifft auch die Rennstrategie. Hier wird extrem viel im Simulator gearbeitet.
Da liegt viel Arbeit vor uns. Aber wir haben einen klaren Plan, und dieser Plan wird abgearbeitet. Natürlich kann im Testbetrieb immer etwas auftreten, das nicht wie erwartet funktioniert. Stand heute sind wir aber im Plan.
Plant ihr auch, ein komplettes Rennwochenende zu simulieren, damit sich das Team an die Abläufe gewöhnt?
Ja, absolut. Irgendwann verschiebt sich der Fokus vom Entwicklungsteam klar in Richtung Einsatzteam. Dann übernimmt das Einsatzteam das Entwicklungsauto. Dafür gibt es ein festes Timing, und dieser Übergang ist in unserem Plan bereits berücksichtigt.
Zum Abschluss: Was erhoffst du dir von der ersten Formel-E-Saison 2026/27?
Für mich persönlich wäre es sehr schwer, einfach nur dabei zu sein, vielleicht hinterherzufahren. Gleichzeitig ist es Stand heute schwierig, die Kräfteverhältnisse seriös einzuschätzen. Wenn wir aber von einem Wunsch sprechen, dann wäre es großartig, wenn wir schon in der ersten Saison um ein Podium fahren könnten. Das wäre mein Ziel.
1 Kommentare
Karl3 ·
Viel Glück!
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