Formel E

Pascal Wehrlein möchte Formel E weiter beschleunigen: "Würde mir für die Zukunft Slicks wünschen"

Timo Pape

Timo Pape

Pascal-Wehrlein-Porsche-Nachtrennen-Saudi-Arabien

1:08.680 (Jakes Hughes, 2023) vs. 1:06.835 (Nyck de Vries, 2022): Das neue Gen3-Auto der Formel E war beim Diriyya E-Prix auf der identischen Streckenführung genau 1,845 Sekunden langsamer als sein deutlich leistungsschwächerer und schwererer Vorgänger. Das Pace-Defizit lässt sich vor allem auf den neuen Allwetterreifen zurückführen, der deutlich härter als sein Vorgänger ist. Mehrere Fahrer fordern inzwischen die Einführung von Slicks in der Elektrorennserie.

"Ja, ich würde mir für die Zukunft Slicks wünschen", antwortet Porsche-Fahrer Pascal Wehrlein im Rahmen einer Medienrunde auf eine Frage von 'e-Formel.de'. "Eine Mischung für trockene und eine für nasse Bedingungen zu haben, ist eine gute Idee."

Die Formel E fährt zwar schon immer mit profilierten Allwetterreifen, musste beim New York City E-Prix im vergangenen Jahr jedoch erkennen, dass die damalige Lösung nicht optimal war: Kurz vor Rennende hatte es in Brooklyn einen starken Schauer gegeben. Da die Reifen zu diesem Zeitpunkt kaum noch Profil hatten, rutsche beinahe die gesamte Führungsgruppe in einem Massencrash in die TecPro-Barriere.

Mutmaßlich aus diesem Grund beauftragte die Formel E den neuen Hersteller Hankook mit einem härteren Reifen, der auch gegen Rennende noch Grip bei Nässe hätte. "Wenn es nur ein bisschen regnet, ist das in Ordnung. Aber wenn das Wasser (auf dem Asphalt) steht, haben wir einfach nicht mehr genug Profil auf dem Reifen, um ohne Aquaplaning fahren zu können", erklärt Wehrlein.

"Daher würde ich mir für die Zukunft einen Slick-Reifen wünschen, was allein in der Rundenzeit schon so viel mehr Performance bringen würde. Da kann man schon von locker vier, fünf, sechs Sekunden ausgehen", so der aktuelle WM-Spitzenreiter der Formel E. "Dann hätte man aber auch einen richtigen Regenreifen, den man bei nassen Bedingungen nutzen kann. Das würde ich mir wünschen und wäre eine gute Idee."

Jean-Eric Vergne: Neuer Formel-E-Reifen "hart wie Beton"

Nach dem Mexico City E-Prix hatte sich schon DS-Penske-Fahrer Jean-Eric Vergne zum Thema Reifen geäußert. Der Formel-E-Doppelchampion schlägt in die gleiche Kerbe wie Wehrlein: "Ich würde mir Slick-Reifen wünschen, die 70 Prozent mehr Grip haben", sagte der Franzose damals bei 'Motorsport.com'.

Der neue Formel-E-Reifen sei "hart wie Beton, und das macht es so rutschig. Im Rennen macht sich das umso mehr bemerkbar, weil man Abtrieb verliert, sobald man jemandem folgt", gibt Vergne zu bedenken. Außerdem hat der harte Reifen aus seiner Sicht einen negativen Einfluss auf den Unterhaltungswert für Fans.

So gab es - vor allem in Mexiko - deutlich weniger Überholmanöver als noch in der Gen2-Ära. "Das lag einfach daran, dass es so wenig Grip gab. Du konntest einfach kein spätes Überholmanöver oder Bremsmanöver setzen, weil klar war, dass das nicht funktionieren würde." Durch das fehlende Vertrauen in das Auto habe es darüber hinaus so viele Unfälle gegeben.

Nichtsdestotrotz betonen alle Fahrer und Teams immer wieder, dass das Produkt von Hankook gut sei und nur dem Briefing von Formel E und FIA entspreche. "Ich finde, dass Hankook einen super Job gemacht hat", meint Wehrlein. "Man kann immer sagen, dass der Reifen ein kleines bisschen weicher sein könnte."

Man müsse jedoch auch die signifikanten Temperaturunterschiede im Laufe einer Formel-E-Saison bedenken, die in anderen Rennserien durch unterschiedliche Reifentypen eine deutlich kleinere Rolle spielen. "In Riad waren es 8 Grad, aber in Indien nächste Woche werden wir wahrscheinlich 35 Grad haben", erklärt Wehrlein. "Einen Reifen für so viele unterschiedliche Verhältnisse zu bekommen, ist glaube ich sehr, sehr schwer."

Gen3-Auto geht "brutal in die Arme" - Wehrlein bringt Servolenkung ins Spiel

Neben Slick-Reifen bringt Wehrlein noch eine weitere Idee auf den Plan, denn "die Autos sind deutlich anstrengender zu fahren" als noch die Gen2-Fahrzeuge in den vergangenen Saisons. "Wir haben ja keine Servolenkung in den Autos, und die Lenkung ist deutlich schwerer geworden im Vergleich zum letzten Jahr."

Der Deutsche erklärt auf eine Frage der Kollegen vom 'Motorsport-Magazin' hin: "Dadurch, dass wir auf den engen Kursen immer relativ viel lenken, geht es einfach brutal in die Arme. Es ist wirklich deutlich anstrengender als in der Vergangenheit. Ich habe ein paar Fahrer gesehen, denen es nach dem Rennen nicht so gut ging (lacht). Da habe ich zum Glück nicht dazugehört. Eine Servolenkung wäre keine so schlechte Idee für die Zukunft." Es sei aber auch aktuell "in Ordnung".

Kommentar von Timo Pape: "Es ist Zeit für Slicks!"

Ob es eine Servolenkung in der Formel E gibt, ist mir relativ gleich. Tendenziell ist es sicherlich noch etwas unterhaltsamer für Fans, wenn die Piloten auch körperlich an ihre Grenzen kommen. Denn auch dieser Faktor kann sich auf die Konzentration der Fahrer auswirken und so die Spreu vom Weizen trennen. Beim Thema Reifen bin ich aber zu 100 Prozent bei Wehrlein und Vergne: Es ist Zeit für Slicks in der Formel E!

Dass die neue Fahrzeuggeneration trotz deutlich mehr Leistung und weniger Gewicht langsamer als das Gen2-Auto ist, darf schlichtweg nicht sein. So einfach. Die fehlende Pace widerspricht dem technologischen Fortschritt, mit dem sich die Formel E - davon abgesehen - zurecht brüstet. Außerdem ist sie für die Fans nicht nachvollziehbar. Und wenn sie sich dann auch noch durch fehlende Überholmanöver negativ auf die Rennaction auswirkt, wie Vergne meint, kann es kaum zwei Meinungen geben: Spätestens für 2024 muss sich etwas verändern in Sachen Reifen.

Dafür gäbe es zwei Lösungsansätze: entweder eine weichere Gummimischung oder verschiedene Reifentypen. Ich persönlich bin für Slicks. Hankook könnte den Reifen verhältnismäßig hart lassen, sodass er auch weiterhin ein ganzes Rennwochenende durchhält. Ohne Profil wäre er aber auf Anhieb deutlich schneller. Eine Differenzierung für unterschiedliche Temperaturen, wie sie Wehrlein thematisiert, ginge für mich hingegen zu weit.

Für Regen müsste die Formel E zusätzliche Profilreifen um die Welt transportieren, und da liegt der Hase im Pfeffer. Denn dies wäre wieder konträr zu den Nachhaltigkeitsbotschaften der E-Serie. Aber: Setz das bitte einmal in Relation, liebe Formel E. Pro Auto müsste DHL etwa fünf zusätzliche Räder mit Reifen transportieren. In Summe also ungefähr 110. Ja, diese würden zusätzliche Herstellungs- und Logistikkosten nach sich ziehen und durch das Mehrgewicht auch den CO2-Fußabruck leicht vergrößern.

Wenn man sich aber mal anschaut, was die Formel E sonst alles um die Welt transportiert, wären die zusätzlichen Reifen nur ein Tropfen auf den heißen Stein und für mich vertretbar. Zudem kämen die Regenreifen nur sehr selten zum Einsatz. Und selbst wenn, hat Hankook eine Recycling-Strategie für seine Gummis in petto.

Lässt sich die Formel E nicht auf diesen Ansatz ein, muss zumindest die Gummimischung weicher werden. Dann könnten wir aber wieder auf das Aquaplaning-Problem bei Regen zusteuern. Für Hankook wird die Aufgabe sicherlich nicht leichter. Dennoch muss die Formel E rechtzeitig eine Entscheidung treffen - für ein schnelleres Gen3-Auto, das den Fortschritt der Serie widerspiegelt.

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3 Kommentare

Tom ·

Top Arktikel hzu einem sehr interresannten Thema.
Dem Kommentar kann ich zu 100% zustimmen. Wenn aufgrund des Reifens die Rennen langweilig werden muss man etwas ändern.

Timo ·

Danke, Tom!

Helmut ·

Generell möchte ich hier nach drei Rennen ein kurzes Resümee zu den neuen Autos ziehen:

Mir scheinen die Autos wirklich agiler im Vergleich zur vorigen Generation zu sein. Das verringerte Gewicht scheint hier wirklich was auszumachen.
Optisch sind sie teilweise sehr gut, teilweise sehr gewöhnungsbedürftig. Von hinten passt mir das Verhältnis Breite zu Höhe nicht. Da schauen sie viel zu schmal aus. Aber das ist nur eine Kleinigkeit.
Reifentechnisch sollte da unbedingt was passieren, aber noch wichtiger fände ich diverse sinnlose Regeln abzuschaffen: das mit der max Leistung darf kein Regelverstoß sein. Speziell wenn es am Vorstart passiert. Durch die geregelte Energiemenge ist eh geregelt, dass ein unbegrenzt leistungsfähiger Antrieb keinen großen Vorteil bringt.
Genauso - aber das sollte ein Thema für die nächste Generation sein darf die Rekuperation nicht begrenzt sein. Energieeffizienz ist ja (angeblich) das Herzstück der Serie. Da ist eine künstliche Begrenzung völlig daneben.
Und die Homologierung des Antriebs für zwei Jahre ohne wirkliche Verbesserungsmöglichkeit finde ich sehr schlecht für den Wettbewerb. So wie jetzt die weniger effizienten Hersteller Probleme haben werden, mit Porsche mithalten zu können.
(Ich finde das übrigens in der F1 genausowenig gut - nochdazu wo es dort ja eh den Kostendeckel gibt).

Das mit den Reifen kann ich als Außenstehender nicht beurteilen, klingt aber logisch und ich wäre im Sinne des als Topp-Rennserie ernstgenommen werden für die Aussenwirkung wichtig.

Aber alles in allem macht die neue Generation Spaß und mir gefällt die Serie besser als in den letzten Jahren

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