Formel E

Performance-Analyse Berlin: Jean-Eric Vergne erstmals an der Spitze

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

Beim Heimrennen in Berlin gelang Daniel Abt ein nahezu perfekter Tag: Ein souveräner Start-Ziel-Sieg von der Pole-Position, dazu noch die schnellste Rennrunde. Lucas di Grassi komplettierte mit seinem vierten (!) zweiten Platz in Folge die perfekte Punkteausbeute für das Audi-Team, das die erstmals in der Geschichte der Formel E die Maximalausbeute von 47 Punkten mit nach Hause nahm und nun wieder realistische Chancen auf den Gewinn der Teamwertung hat. Jean-Eric Vergne fuhr taktisch klug, aber ohne zu vorsichtig in den Zweikämpfen zu sein auf einen starken dritten Platz und könnte bereits in Zürich den Fahrertitel gewinnen. Seine beiden direkten Konkurrenten, Sam Bird und Felix Rosenqvist, hatten mit dem Kampf um das Podium dieses Mal nichts zu tun und verlieren langsam aber sicher den Anschluss an den Franzosen. Aber spiegelt der Rennausgang das wahre Kräfteverhältnis der Formel E wider?

Seit den Testfahrten in Valencia (Herbst 2017) haben wir die Zeiten sämtlicher Sessions analysiert und sowohl Fahrer als auch Teams unserem Performance-Ranking unterzogen. Auch beim Rennen in der Bundeshauptstadt am Samstag nahmen wir eine detaillierte Analyse aller Sessions vor. Die schnellste Rundenzeit einer jeden Session entspricht dabei 100 Prozent. Der Abstand der Rundenzeiten der einzelnen Piloten zu jener 100-Prozent-Marke bildet daraus resultierend einen Wert, der Rückschlüsse auf die Einzelleistung und die Konkurrenzfähigkeit der Piloten und Fahrzeuge zulässt. Eine genaue Erklärung findest du am Ende dieses Artikels.

Fahrer-Rating: So eng wie nie zuvor

Premiere bei unserer Analyse zum Berlin E-Prix: Zum ersten Mal überhaupt liegen die drei Erstplatzierten des Rennens auch im Performance-Ranking vorne, jedoch in verdrehter Reihenfolge. Denn Jean-Eric Vergne gewinnt zum allerersten Mal unser Rating, wenn auch nur knapp. 99,89 Prozent stellen den Bestwert der gesamten bisherigen Saison dar. An zweiter Stelle folgt Daniel Abt mit 99,83 Prozent - auch für ihn das beste Saisonergebnis. Lucas di Grassi bestätigt auf dem dritten Platz das starke Bild von Audi mit einer Gesamt-Performance von 99,81 Prozent.

Es folgt sein "ewiger Rivale" Sebastien Buemi, der mit 99,44 Prozent jedoch schon einen klaren Rückstand aufweist. Platz 4 erzielte er übrigens auch im Rennen. Mit Andre Lotterer (99,29) folgt der dritte Renault-Fahrer unter den ersten Fünf, der dieses Mal jedoch im Qualifying sämtliche Chancen auf ein noch besseres Ergebnis einbüßte. Durch seine Strafe aus dem Schlussrunden-Crash mit Sam Bird in Paris war er von Startplatz 20 gestartet und musste zudem beim Fahrzeugwechsel 10 Sekunden zusätzlich absitzen. Dass es im Rennen am Ende dennoch zu Platz 9 reichte, unterstreicht die Leistungsfähigkeit seines Techeetah.

Sam Bird folgt nach einem unauffälligen Rennen auf dem sechsten Platz unseres Rankings - mit 99,27 Prozent unmittelbar vor Mitch Evans (99,24), Oliver Turvey (99,24) und dem Mahindra-Duo Felix Rosenqvist und Nick Heidfeld (beide 99,23). Evans fuhr wieder einmal ein starkes Rennen und arbeitete sich von Startplatz 10 auf den sechsten Platz vor. Turvey musste nach einem erneut sehr guten Qualifying wieder einmal bei der Renn-Pace Federn lassen, Rosenqvist warf ein gutes Resultat bereits in der ersten Kurve durch einen Verbremser weg. Anschließend gelang es ihm nicht mehr, sich weiter als bis auf Platz 11 vorzuarbeiten, er kam unmittelbar hinter seinem Teamkollegen Heidfeld ins Ziel.

Prost & Filippi erneut weit hinter ihren Teamkollegen

Im engen Mittelfeld folgen Qualifying-Überraschung Jerome d'Ambrosio (99,14), der jedoch im Rennen die Pace an der Spitze nicht lange mitgehen konnte, und Nelson Piquet jr. im zweiten Jaguar (99,04), der nur ganz knapp vor Alex Lynn lag (99,02). Es folgt eine etwas größere Lücke zu Jose Maria Lopez im zweiten Dragon (98,88) und Maro Engel (98,78), der als einziger Fahrer aus dem hinteren Mittelfeld unseres Performance-Ratings Punkte mit nach Hause nahm.

Anschließend reihen sich Rückkehrer Tom Dillmann mit 98,73 Prozent und Nicolas Prost mit 98,65 Prozent ein. Prost, der in den ersten beiden Formel-E-Saisons noch drei Pole-Positions und drei Siege erzielte und damit für Renault e.dams einen deutlichen Anteil am Gewinn der Teamwertung hatte, bleibt weiterhin deutlich hinter der Leistung zurück, die mit seinem Auto möglich wäre. Ähnliches gilt für Luca Filippi, der nach seiner Ausbootung in Paris wieder ins Cockpit zurückkehrte und auf 98,57 Prozent kam.

Auf den letzten Positionen folgen die beiden Andretti-Piloten Antonio Felix da Costa (98,56) und Stephane Sarrazin (98,49), die in Berlin beide weit hinter den Ansprüchen des Teams zurückblieben und mit der Punktevergabe zu keinem Zeitpunkt des Rennens etwas zu tun hatten. Interessanterweise zeigte Sarrazin von den Rundenzeiten her in Qualifying und Rennen die bessere Performance, lediglich seine schwachen Rundenzeiten im Freien Training sorgten dafür, dass er in unserer Tabelle auf Platz 20 geführt wird.

Zur Veranschaulichung haben wir die Abstände anhand der Streckenlänge abermals in Meter umgerechnet. So liegt Vergne auf dem 2,377 Kilometer langen Tempelhof-Ring im Durchschnitt fast 1,5 Meter vor Abt, di Grassi folgt nur 56 Zentimeter dahinter. Weitere 8,85 Meter, also fast zwei Fahrzeuglängen, fehlen Buemi auf die Top 3, bevor nach weiteren 3,49 Metern Lotterer folgt. Nun kommt das sehr enge Mittelfeld: Bird liegt 53 Zentimeter zurück, Evans weitere 61 Zentimeter. Turvey schließt sich mit 1,9 Zentimetern Rückstand an, Rosenqvist mit 17 Zentimetern und Heidfeld mit weiteren 15 Zentimetern. Schlusslicht Sarrazin auf dem letzten Platz verliert auf eine Runde 33 Meter, also fast sieben Fahrzeuglängen, auf Vergne.

Teamwertung: Audi erneut an der Spitze

Auch in der Performance-Wertung der Teams bleiben große Überraschungen aus: Audi belegt hier mit 99,93 Prozent den ersten Platz. Erster Verfolger der Ingolstädter ist mit äußerst geringem Rückstand Techeetah (99,89), bevor eine große Lücke klafft. Renault e.dams liegt mit 99,44 Prozent auf Rang 3 vor Mahindra (99,38) und DS Virgin (99,34). Dragon (99,28) erreichte eine minimal schwächere Performance, liegt aber noch vor den Teams von Jaguar und NIO (beide 99,24), die im Gegensatz zum Team von Jay Penske Berlin mit Zählern verließen. Am Ende des Feldes liegen abgeschlagen Venturi mit 98,79 Prozent und - wenig überraschend - Andretti mit 98,63 Prozent.

In Metern ausgedrückt trennen Audi und Techeetah (genau wie in Paris!) im Schnitt 85 Zentimeter pro Runde. Renault e.dams hat bereits fast zwölf Meter Rückstand auf die Ingolstädter. Mahindra folgt 1,45 Meter dahinter, 90 Zentimeter vor DS Virgin. Dragon liegt 1,38 Meter hinter den Briten, Jaguar weitere 89 Zentimeter. NIO ist mit weniger als zwei Zentimetern Rückstand quasi gleichauf. Venturi verliert weitere elf Meter pro Runde, Andretti noch mal etwa vier und liegt damit mehr als sechs Fahrzeuglängen hinter der Spitze.

Erklärung des Berechnungssystems (Explanation of the calculation system)

Für jede Session (Freie Trainings, Qualifying und Rennen) wird die jeweils absolut schnellste Rundenzeit durch die persönliche Bestzeit jedes Fahrers geteilt. Das Ergebnis wird anschließend in Prozentpunkte umgerechnet. Für jeden Fahrer werden die Prozentwerte sämtlicher Sessions addiert und durch die Anzahl der Sessions geteilt. Da viele Piloten nur in einem der beiden freien Trainings mit der vollen Leistung von 200 kW fahren, betrachten wir nur das jeweils stärkste Ergebnis der beiden freien Trainings. So ergibt sich der durchschnittliche Performance-Wert. Bei den Teams ist das Vorgehen identisch, nur dass hier pro Session allein die schnellere Bestzeit der beiden Fahrer gewertet wird.

Leistet sich ein Fahrer im Qualifying, wo es nur einen Versuch gibt, einen Unfall oder einen größeren Fahrfehler, fließt diese Session nicht in die Wertung ein, um das Ergebnis nicht zu verfälschen. In Berlin wurde dies jedoch bei keinem einzigen Fahrer angewendet.

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In order to work out a respective driver's performance rating, each session's (Free Practice, Qualifying, Race) overall best time is divided by the driver's personal best laptime. The result is then converted into percentages, from which we can, through addition of all percentages and division by the number of sessions, calculate an average "performance percentage". Most drivers don't use the maximum power output of 200 kW during both Free Practices, so we use just the best result of the two Free Practices. The calculation method is similar for the teams, whereas we only pick the better of their two available times.

In case a driver runs into trouble during the qualifying session (i.e. crashes out, makes a serious mistake), his time is excluded from our assessment, expunging possible outliers. In Berlin this exceptional rule was not applied to any driver.

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