Formel E

Porsche-Motorsportchef Laudenbach im Formel-E-Interview: "Es gibt kein grundsätzliches Nein zu einem 2. Kundenteam"

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

Thomas Laudenbach ist seit Oktober 2021 Leiter von Porsche Motorsport, als er die Nachfolge von Fritz Enzinger antrat. Der in Santiago de Chile geborene Diplom-Ingenieur arbeitete seit 1998 für Porsche und war hier bis 2013 für die Entwicklung der Motorsportantriebe verantwortlich. Nach einer Zwischenstation bei Audi kehrte er 2020 zu Porsche zurück. e-Formel.de hatte im Rahmen das London E-Prix 2023 exklusiv die Gelegenheit, mit Thomas Laudenbach zu sprechen.

Herr Laudenbach, Porsche hat wenige Tage vor dem Saisonfinale in London bekannt gegeben, bis zum Ende der Saison 2026 in der Formel E zu bleiben. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Da sind viele Faktoren zu berücksichtigen: Ist es die richtige Serie? Wie geht es mit ihr weiter? Wir reden hier über eine Serie, die durchaus gute Botschaften transportiert, aber von der wir auch sagen, dass sie sich noch weiterentwickeln soll. Um das alles zu klären, braucht es Gespräche - sei es mit der Formel E, mit der FIA oder bei uns im Haus.

Warum wurde die Entscheidung zu diesem Zeitpunkt getroffen?

Wir wurden ständig danach gefragt, aber nächstes Jahr wären wir ja sowieso noch gefahren. Daher hatten wir keinerlei Zeitdruck. Wir haben aber gemerkt, dass die fraglichen Punkte für uns soweit klar und wir entscheidungsfähig sind. Da hielten wir es für gut, es vor dem letzten Rennen zu kommunizieren.

Damit ist ja jetzt auch klar, dass Porsche für die zweite Hälfte der Gen3-Ära einen neuen Antrieb homologieren wird. Wie sieht der Zeitplan für Saison 11 aus?

Ich hoffe, wir werden rechtzeitig fertig (lacht). Es ist gar keine so einfache Entscheidung, wo man das Geld hineinsteckt. Wir haben ja einen Budgetdeckel. Daher ist das alles noch nicht fix beschlossen. Aber noch sind wir zeitlich gut unterwegs. Selbst wenn noch nicht alle Entscheidungen final getroffen sind, man muss sicher sein, dass man die Kapazitäten und auch die Rohmaterialien hat. Das ist mittlerweile ein Problem geworden.

Wie meinen Sie das genau?

Wenn ich eine Entscheidung zu spät treffe, dann könnte ich zwar noch alles entwickeln, stelle jedoch fest, dass ich mein Rohmaterial nicht mehr rechtzeitig bekomme. Wir sind so unterwegs, dass wir es zeitlich hinbekommen. Ich glaube, wir kennen uns mittlerweile so gut aus, dass wir wissen, was wir schon vorbereiten müssen und wo man sich noch Zeit lassen kann.

Ist der neue Antriebsstrang denn eine komplette Neuentwicklung, bei der Porsche mit einem "weißen Blatt Papier" anfängt?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Wir haben ein gutes Auto. Also ist eine Weiterentwicklung wahrscheinlich durchaus sinnvoll. Dies ist eine Serie, die eingeschränkte Entwicklungsfreiheiten hat - auch aus Kostengründen. Ich habe aber mit großer Freude festgestellt, dass man sich als Hersteller über das Fahrzeug differenzieren kann. Wenn man eine Statistik der Ergebnisse in diesem Jahr macht, dann sieht man, welche Fabrikate offensichtlich eher im vorderen Feld zu finden sind. Das ist ein eindeutiges Zeichen, dass man sich als Hersteller differenzieren kann. Übrigens war das auch ein wichtiger Punkt bei der Entscheidung weiterzumachen.

Hat die Entscheidung, bis zum Ende der Gen3-Ära zu fahren, auch Einfluss auf die Gen4-Gespräche, die aktuell bereits geführt werden?

Wenn wir jetzt beschlossen hätten, nach der nächsten Saison auszusteigen, dann hätten wir uns wahrscheinlich nicht so in die Gen4-Gespräche eingebracht. Dadurch, dass wir jetzt beschlossen haben, bis zum Ende der Gen3-Ära zu fahren, und das Thema Gen4 bei uns zu einem späteren Zeitpunkt entschieden wird, ist es sehr sinnvoll, dass wir uns da einbringen. Auch mit unserer Erfahrung. Es ist sinnvoll, dass wir da mitmachen, denn es könnte ja zu einem späteren Zeitpunkt eine Entscheidung getroffen werden weiterzufahren. Und dann hätten wir einen Riesenfehler gemacht, wenn wir jetzt nicht dabei gewesen wären.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Porsche-Kundenteam Andretti?

Durchweg positiv. Wir sind ja nicht nur ein Rennteam, wir sind ein Fahrzeughersteller. Deswegen haben wir immer die Philosophie, die uns auch von Andretti noch einmal intern bestätigt wurde: Wenn vier Porsches mitfahren, sollen sie so stark sein, wie es nur irgendwie geht. Eine enge Zusammenarbeit hilft ohnehin, weil ich eine breitere Datenbasis habe. Wir haben einen sehr engen Austausch, wir arbeiten zusammen.

In London gab es durchaus auch hitzige Diskussionen zwischen Porsche und Andretti.

Natürlich ist jetzt eine Situation entstanden, in der beide Teams um Siege gekämpft haben. Und natürlich entsteht dadurch auch ein stärkerer Wettbewerb. Aber das möchte ich nicht negativ sehen. Es gibt vielleicht auch mal die Situation, dass man sich zusammensetzen muss. Aber das ist ganz normal und entsteht einfach nur durch die Tatsache, dass wir ein gutes Paket haben und einen Weg eingeschlagen haben, der offensichtlich beide Teams nach vorne bringt. Deswegen ist das für mich ein voller Erfolg und eine ganz klare Bestätigung, dass unsere Philosophie richtig ist.

Die Weiterentwicklung während der Saison bezieht sich ja hauptsächlich auf die Software. Sind die vier Fahrzeuge da immer auf dem gleichen Stand?

Ja, das ist so. Es gibt dazu auch Regeln in der Formel E. Wir könnten gar nicht sagen, wir entwickeln weiter und geben Andretti die Software nicht. Das hat für uns aber auch nie zur Diskussion gestanden. Allein die Tatsache, dass wir gerne vier starke Autos haben möchten, bedingt ja, dass Fortschritte auch durchgehreicht werden. Also insofern haben wir eine ganz klare Philosophie: Natürlich bekommt Andretti auch die neue Software. Es kann aber sein, dass wir neue Dinge, die wir ausprobieren, nicht gleich auf alle Autos ausgerollt wird. Aber wenn wir etwas haben, von dem wir glauben, dass es eine Verbesserung ist, bekommen das alle vier Autos.

Es gibt in der Formel E auch Kundenteams, die mit ihrem derzeitigen Antriebspartner vielleicht nicht ganz so zufrieden sind. Hätte Porsche die Kapazitäten für ein zweites Kundenteam?

Grundsätzlich kann ich Kapazitäten aufbauen. Ich glaube aber, kurzfristig ist das nicht machbar. Denn es geht nicht nur um die Kapazität. Ich brauche auch das Material. Und wir haben wie gesagt eine Philosophie, wie wir Kundensport betreiben. Ich möchte niemals jemandem einfach nur ein Auto geben und sagen: Schaut selbst danach. Dann besteht die Gefahr, dass ein Porsche schlecht aussieht. Es ist meine Aufgabe als Motorsportchef, das zu verhindern. Es gibt kein grundsätzliches Nein zu einem zweiten Kundenteam, es gibt aber auch noch keine Entscheidung. Nur realistisch betrachtet: Für das nächste Jahr kann ich mir kaum vorstellen, wie das gehen soll. Für später könnte man das aufbauen. Aber dafür bräuchte es erst einmal eine grundsätzliche Entscheidung, dass man zwei weitere Autos haben möchte. Und diese gibt es derzeit nicht.

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