Formel E

Postkarte aus Bern: Die Paddock-Themen vom Formel-E-Freitag

Timo Pape

Timo Pape

Unter dem wolkenbedeckten Himmel von Bern bereitete sich die Formel E am Freitag auf ihren elften Saisonlauf vor. Der Swiss E-Prix ist in vielerlei Hinsicht besonders: eine extrem anspruchsvolle Strecke, weite Wege zwischen Paddock und dem eigentlichen Kurs sowie ein durchaus präsenter Protest aus Teilen der Stadtbevölkerung - zumindest direkt an der Strecke. e-Formel.de ist für dich in der Schweiz vor Ort und hat die Augen und Ohren offen gehalten. Die interessantesten Erkenntnisse und Geschichten vom Freitag vor dem Rennen haben dir unsere Vor-Ort-Reporter Timo Pape, Tobias Bluhm und Erich Hirsch in ihrer "Postkarte aus Bern" zusammengestellt.

Shakedown um 3 Stunden verschoben

>>> Eigentlich hätte der Shakedown - die halbstündige Inbetriebnahme der Fahrzeuge bei gedrosselter Leistung - um 15 Uhr stattfinden sollen. Als wir uns in Richtung Strecke aufmachten, hieß es bereits, die Session werde hinter dem Safety-Car stattfinden, weil die Strecke noch nicht fertig sei. Dort angekommen, erhielten wir schließlich die Information, dass der Shakedown auf 17:45 Uhr verschoben würde, also um fast drei Stunden (letztlich ging es sogar erst um 18 Uhr los). Bedenken hatte es schon während des Trackwalks am Morgen gegeben, weil zum Teil noch ganze Schikanen fehlten. Während der langen Wartezeit hatten die Fahrer viel Zeit für Fans und Medien und gaben sich sogar an den Simulatoren im Media-Center die Ehre.

>>> So ein Paddock hat die Formel E noch nicht gesehen: Gut zehn Fußminuten entfernt von der Strecke befindet sich das eigentliche Fahrerlager von Bern. In einer der Expo-Hallen sind die Teams mit ihren regulären Boxenanlagen stationiert. Das Problem daran: Für die Sessions müssen die Mechaniker beide Autos sowie die nötigsten Ersatzteile (Frontflügel, Reifen, Aufhängungsstangen etc.) über einen Kilometer Distanz an die Strecke bringen. Sie dürften Bern am Sonntag mit Muskelkater verlassen...

>>> Angekommen in der Boxengasse, besitzt jedes Team einen kleinen Pavillon, in dem die Ersatzteile etc. gelagert werden. Manche Teams wollen mehr Ingenieure direkt an der Strecke positionieren, manche weniger. De facto wird es während der Sessions aber jede Menge Funkverkehr geben. Die Boxengasse ist wie seinerzeit in Peking und aktuell in Rom in U-Form angeordnet, um den Gegebenheiten vor Ort zu genügen. Voraussichtlich wird sie jedoch keine große Rolle spielen, da die Fahrzeuge wohl nur nach einem Unfall zur Reparatur an die Box kämen. Doch Vorsicht bei der engen Einfahrt - hier müssen die Fahrer besonders achtgeben, damit sie nicht in der Mauer landen.

>>> "Diese Strecke ist echt Hardcore", beschreibt Audi-Pilot Lucas di Grassi den Kurs von Bern nach dem offiziellen Trackwalk am Freitagmorgen. "Es gibt kaum Auslaufzonen und keinen Raum für Fehler. Der Kurs wirkt wie eine Art Mini-Macau." Auch Daniel Abt bekam beim Trackwalk leuchtende Augen: "Die Strecke ist genau mein Ding." An unserem Mikrofon erklärte er, dass vor allem Kurve 3 schwierig werden. Hier kommen die Piloten nach langer Bergab-Passage mit rund 225 km/h (die Höchstgeschwindigkeit in der Formel E) an und müssen in einer Rechtskurve anbremsen. Unfälle an dieser Stelle sind zu erwarten. Vor allem wenn es am Samstag - so wie es aktuell aussieht - regnen sollte.

Widerstand & Vandalismus in Bern

>>> Rund 1.000 Menschen demonstrierten am Donnerstagabend vor dem Berner Bundeshaus auf Fahrrädern gegen den E-Prix. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Initiative "Formel-E ade". Anschließend absolvierten die Demonstranten auf Fahrrädern eine Runde auf der Formel-E-Strecke und forderten, dass "nie wieder eine Motorsport-Veranstaltung in Bern stattfindet".

>>> Bei der Fahrrad-Demo-Fahrt, an der hauptsächlich Anwohner teilnahmen, wurden etliche Sponsoren-Werbebanner von den Betonmauern gerissen. Sie mussten am Freitagmorgen neu verklebt werden. Die Elektroserie sei weder nachhaltig noch ökologisch und nicht mit dem Verständnis von urbaner Mobilität als "inklusiv, langsam und energieeffizient" zu vereinbaren, erklärte uns ein Demonstrant. Einige Anwohner hängten zudem Flaggen und Plakate von "Formel-E ade" an ihren Balkonen auf - wir sahen beim Trackwalk ca. 10 bis 15 - oder wehrten sich mit Stickern gegen das Rennen.

>>> Marco Parroni, Sponsoring-Chef des Swiss-E-Prix-Titelsponsors Julius Bär, findet, dass die Formel E in diesem Jahr einen herausragenden Austragungsort gefunden hat. Im Gespräch mit 'e-Formel.de' erklärt er: "Nachdem in Zürich nach dem letztjährigen Großerfolg dieses Jahr kein Rennen möglich war, ließ sich mit Bern rasch ein alternativer und passender Austragungsort finden. Die lokale Politik hat sehr schnell Hand geboten, um ein Rennen am 22. Juni zu ermöglichen. Bern ist die Landeshauptstadt der Schweiz und hat eine große Motorsport-Tradition mit dem Grand Prix von Bern, der letztmals 1954 ausgetragen wurde. Bern ist ein perfekter Austragungsort."

>>> Am Donnerstag stürzte sich Jaguar-Fahrer Mitch Evans im Neopren-Anzug in die Fluten der Aare, wo er für Filmaufnahmen auf dem Fluss surfte. Begleitet wurde er dabei von einem professionellen Surfer. Auch Oliver Turvey (NIO) war in der vergangenen Woche mit PR-Terminen beschäftigt: In den USA warf er den ersten Ball bei einem Baseball-Spiel der New York Mets gegen die Atlanta Braves.

Einhoven & Budapest machen sich Formel-E-Hoffnungen

>>> Die Idee eines Formel-E-Rennens in Eindhoven nimmt allmählich Form an. Eine Gruppe von Unternehmern habe die nötige lokale Unterstützung mobilisiert, berichtet 'e-racing365'. Sowohl der Stadtrat als auch diverse bedeutende Unternehmen und Organisationen würden die Pläne unterstützen, heißt es. So habe der Stadtrat ein Beabsichtigungsschreiben an die Formula E Holdings Ltd., die Mutterfirma der Formel E mit Sitz in Hongkong, geschickt. Diese muss nun entscheiden, ob sie eine offizielle Machbarkeitsstudie veranlasst (die übliche Prüfung vor einem neuen E-Prix). Sollte die Formel E einem Rennen letztlich zustimmen, dürften sich die Niederländer frühestens im Sommer 2021 über einen eigenen E-Prix freuen. Virgin-Fahrer Robin Frijns bestätigte 'e-Formel.de': "Ich kenne die treibenden Kräfte dahinter. Sie erhalten von mir alle Unterstützung, die ich ihnen geben kann. Einhoven wäre der perfekte Ort in den Niederlanden für die Formel E."

>>> Nachdem Mahindra-Fahrer Jerome d'Ambrosio vor einigen Wochen zu einer Demo-Fahrt nach Ungarn reiste, scheinen die Planungen für einen E-Prix auch in Budapest allmählich ins Rollen zu kommen. Laut 'e-racing365' ist ein Meisterschaftslauf an der Donau eine "echte Möglichkeit" für den Sommer 2021 (Saison 7). Gerüchten zufolge könnte der E-Prix künftig das Rennen in der Schweiz ersetzen. Als möglicher Austragungsort wird derzeit der Varosliget-Park gehandelt.

>>> Im Westen nichts Neues: Der US-amerikanische Autobauer Ford ist nach wie vor unentschlossen, ob und wann er in die Formel E einsteigt. Motorsportchef Mark Rushbrook erklärte den Kollegen von 'e-racing365' in Le Mans, dass man immer noch abwäge, inwiefern man in den elektrischen Motorsport einsteige. "Es gibt kein Update", sagt er. "Wir wollen in einer elektrischen Rennserie fahren, aber es muss die richtige sein. Dazu gehört auch, zu warten und zu beobachten, wie sich die bestehenden Serien entwickeln und welche vielleicht noch neu hinzukommen." Die Formel E muss also weiterhin erst mal ohne US-Hersteller auskommen.

Alle testen - außer Dragon

>>> Einige Formel-E-Teams haben in der vergangenen Woche ihr Testprogramm für Saison 6 fortgeführt. Jaguar fiel dabei mit einer abgewandelten Lackierung auf (siehe Fotos im unten stehenden Tweet). Die "Raubkatze" ging mit Mitch Evans in England auf die Strecke. Mahindra testete mit Pascal Wehrlein und Jerome d'Ambrosio im spanischen Calafat, wo auch Audi Kilometer abspulte. Bemerkenswert: Daniel Abt, dessen Formel-E-Zukunft noch ungewiss ist, saß im Auto, wie er uns bestätigte. Für NIO stieg Tom Dillmann ins Auto. Das neue Porsche-Team soll indes noch im Juni zwei potenzielle Fahrer testen, ehe man sich mit der Frage auseinandersetzt, wer das zweite Stammcockpit neben Neel Jani bekommt. Eine Entscheidung wird erst Ende Juli erwartet.

>>> Im Gegensatz zu anderen Teams hat Dragon Racing sein Testprogramm noch nicht begonnen. Mit Blick auf die Deadline zur Homologation Ende Juli ist diese Tatsache ein weiteres Indiz dafür, dass Dragon keinen eigenen Antriebsstrang für Saison 6 entwickelt hat, sondern im kommenden Jahr als Kundenteam antreten wird. Eine Bestätigung hierzu - und welcher Hersteller seine Antriebe zur Verfügung stellen würde - gibt es jedoch nach wie vor nicht.

>>> Das Chassis der neuen Elektro-SUV-Rennserie Extreme E wird im Juli beim "Festival of Speed" im britischen Goodwood erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Das Gestell des Fahrzeugs gibt es schon, wie Konstrukteur Spark Racing Technology vor wenigen Tagen in einem Video (siehe unten) zeigte. Die autonom fahrende Elektroserie Roborace hat indes ihre Reifenpartnerschaft mit Michelin verlängert.

>>> Mahindra Racing hat seine Kooperation mit Rockfort Engineering verlängert. Die seit Saison 2 laufende Partnerschaft umfasst diverse technologische Bereiche wie den Antriebsstrang, Elektronik und Software. Beide verfolgen dabei ein gemeinsames übergeordnetes Ziel: die Reduzierung von Emissionen.

Zusätzliche Berichterstattung von Tobias Bluhm & Erich Hirsch

Zurück

0 Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 3 plus 5.
Advertisement