Formel E

Roboter-Boxenstopps & Teamrennen: Lucas di Grassis Wunschliste für das Gen3-Rennformat der Formel E

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

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Wenn es um Diskussionen zur Zukunft der Formel E geht, scheut Venturi-Fahrer Lucas di Grassi nicht davor zurück, sich meinungsstark zu äußern. Im Gespräch mit 'e-Formel.de' erklärt der Brasilianer, welche Änderungen er sich am Rennformat für die Gen3-Ära der Elektroformel wünscht - darunter Boxenstopps mit Robotern oder eine Restrukturierung des gesamten Wochenendes.

Begleitet von einem großen Medienecho präsentierte die Formel-E-Weltmeisterschaft vor rund einer Woche ihr neues Gen3-Fahrzeug. Der neue Bolide soll schneller, leistungsstärker und leichter werden sowie mit einem Frontmotor Energie zurückgewinnen können. Die Elektroserie rechnet dank des neuen Autos mit einem Zeitgewinn von zwei bis vier Sekunden pro Runde - die Teams erhoffen sich sogar einen größeren Sprung nach vorn.

Doch abgesehen von den Schlüsselwerten, die die Schlagzeilen vor dem Monaco E-Prix bestimmten, ließ die Formel E viele Fragen unbeantwortet. In einem ausführlichen Hintergrundbericht beschäftigte 'e-Formel.de' sich bereits in der vergangenen Wochenende mit den offenen Diskussionen, beispielsweise zu den geplanten Schnelllade-Boxenstopps oder dem Rennformat.

F1-Sprintrennen als Inspiration für die Formel E?

Wenn es nach Formel-E-Routinier Lucas di Grassi geht, sollte die Elektroserie ihr sportliches System mit Beginn der Gen3-Ära grundlegend neu aufstellen. Der Brasilianer, der als einer von nur zwei Fahrern jeden E-Prix der Geschichte bestritt, wünscht sich beispielsweise eine Erweiterung jedes Formel-E-Events auf zwei Tage. "Das sollte bei jedem Wochenende so sein", sagt er im Gespräch mit 'e-Formel.de'.

Der 37-Jährige holt aus: "Es sollte aber nicht wie bei einem aktuellen Double-Header ablaufen, wo die Botschaft in den Medien nicht ganz klar ist, wer tatsächlich gewonnen hat. Es gibt immer zwei Sieger, wenn man einmal von Mitch (Evans) in Rom absieht (lacht)."

"Wir sollten nur einen Gewinner pro Wochenende haben. Das könnte beispielsweise wie bei den Sprintrennen in der Formel 1 funktionieren: Samstags wäre ein Tag für die Trainings und das Qualifying, bevor es am Sonntagmorgen ein Sprintrennen und am Sonntagnachmittag das Hauptrennen gäbe. Den Sprint könnte man dann vielleicht ohne Boxenstopps und das Hauptrennen mit Boxenstopps veranstalten."

Zentral bei di Grassis Vorschlag sei, dass die Formel E mit dieser Neustrukturierung des Formats neue Werte für ihre Fans erschaffen könnte. "Dass wir all den Weg nach Jakarta fliegen, um nur einmal Rennen zu fahren, ist doch Ressourcenverschwendung", schimpft er. "Die Strecke ist da, wir sind es auch…"

Di Grassi fordert mehr Kreativität: Doppelrennen mit Punkten für Teams & Fahrer

Di Grassi bietet aber auch eine weitreichendere, alternative Forderung an. "Man könnte das Ganze noch aggressiver angehen und sagen, dass am Samstag ein Teamrennen stattfindet. Dann würde das Team mit der (Punktesumme) beider Fahrer das Rennen gewinnen, bevor sonntags nur die Ergebnisse der Fahrer zählen. Man könnte mit verschiedenen Dingen experimentieren. Da würde ich mir etwas mehr Kreativität von der Formel E wünschen."

Eine zentrale Rolle in den Rennen der Gen3-Ära dürften abermals Boxenstopps spielen. Die Fahrzeuge verfügen über die Fähigkeit, per Schnellladetechnologie während der Rennen nachgeladen zu werden. Derzeit ist jedoch noch unklar, ob und wie die 600-kW-Schnellladestopps umgesetzt werden können. Sorgen bestehen etwa hinsichtlich der Sicherheit, schließlich könnten bei den Stopps Mechaniker:innen unter hohem Zeitdruck mit Kabeln hantieren, durch die Strom mit sehr hoher Spannung fließen kann.

"Wir sollten das mit Robotern machen", entgegnet di Grassi prompt. "Oder zumindest mit irgendeiner Technologie, die das Laden sicher macht. Man braucht auf der Straße ja auch keine Gummihandschuhe, wenn man das Kabel verbindet."

"Das System könnte wie beim Nachtanken im Motorsport sein: Da gibt es auch ein kleines Risiko, aber ein kontrollierbares. Der Mechaniker müsste dann zum Beispiel aus einer größeren Distanz das Kabel verbinden oder es gibt einen großen Widerstand. Und dann ist es gar nicht mehr gefährlich."

Wie die Formel E die Schnellladeboxenstopps, für die die Schweizer Firma ABB die Infrastruktur zur Verfügung stellen will, umsetzen wird, dürfte in den kommenden Wochen und Monaten der Bestandteil interner Diskussionen sein. Im Sommer möchte die Elektroserie einen ersten Entwurf ihres Regelwerks vorstellen, der abschließend von der FIA ratifiziert werden muss. Die Saison 2023 dürfte dann im Januar des neuen Jahres in Saudi-Arabien beginnen - vielleicht ja mit einem sportlichen Reglement, in dem die Vorschläge von di Grassi aufgenommen wurden.

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1 Kommentare

Helmut ·

Normal bin ich ja selten der Meinung von do Grassi. Aber hier hat er recht. Mehr Action wäre angesagt, dafür die freien Trainings kürzen oder ganz abschaffen. Je weniger vorausgeplant werden kann umso besser fürs Rennen. Also für die Zuseher, nicht für die Renningenieure und Datenschaufler.

Was mich nur stark verwundert: die FE hat bis jetzt noch überhaupt keine Idee, wie die Sache mit dem nachladen laufen soll? Kein Ablauf und von der Technik ganz zu schweigen? Was haben die die letzten drei (?) Jahre seit der Ankündigung gemacht? Und nun soll das in einem halben Jahr von der Konzeption bis zur rennfertigen(!) Umsetzung funktionieren? Das wird vermutlich so ein Rohrkrepierer wie die Roborace Serie oder diverse andere Ankündigungen aus diesem Umfeld. Hoffe nur, dass wir dann nicht noch kürzere Rennen erleben müssen, weil sie das bis zum Saisonauftakt nicht gebacken bekommen.

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