Formel E

Seoul: Porsche verspielt Platz 6 gegen Andretti - und resümiert eine Formel-E-Saison "mit Höhen & Tiefen"

Timo Pape

Timo Pape

Porsche-Formula-E-Car-Pitlane

Für Porsche endete die Formel-E-Saison 2022 - die dritte des schwäbischen Herstellers - mit einem Tiefpunkt. Der Doppelausfall von Andre Lotterer und Pascal Wehrlein beim Saisonfinale in Seoul war sinnbildlich für eine desolate zweite Saisonhälfte, in der Porsche vom fünften auf den siebten Gesamtrang abrutschte. Zwar konnte das Team auch Highlights setzen, doch unter dem Strich machte Porsche zu viele Fehler im operativen Geschäft.

Nach einem mittelmäßigen Saisonauftakt in Saudi-Arabien mit insgesamt 14 Punkten folgte direkt das eindeutige Highlight der bisherigen Formel-E-Historie von Porsche: Beim Mexico City E-Prix spielten die Zuffenhausener "Katz und Maus" mit der Konkurrenz und verbuchten den ersten Porsche-Sieg in der Formel E. Wehrlein und Lotterer fuhren gar einen Doppelsieg ein. Nach dem Rennen zementierte Porsche das Ziel, das man schon vor der Saison ausgerufen hatte: beide WM-Titel.

Tatsächlich ging es vielversprechend weiter. Beim Rom E-Prix stand Lotterer - wie schon so oft - vor seinem möglichen ersten Formel-E-Sieg. Mit knapp zwölf Minuten auf der Uhr ging er in Führung und fuhr längere Zeit an der Spitze. Durch eine Safety-Car-Phase verlor er seinen Vorsprung und musste nach dem Restart Konkurrenten passieren lassen. Als in der Schlussphase das Safety-Car erneut auf die Strecke ging, konnte er die Spitze nicht mehr angreifen.

Auch beim Monaco E-Prix hatte Porsche Chancen auf den Sieg. Diesmal war es Wehrlein, der an der Spitze des Feldes fuhr. Er war aus der ersten Reihe gestartet und übernahm nach der Tunnelausfahrt vor der Hafenschikane mit einem sehenswerten Überholmanöver die Führung. Danach konnte er sich etwas von seinen Verfolgern absetzen. Doch anfangs der zweiten Rennhälfte wurde sein Porsche 99X Electric plötzlich langsamer, und er musste wegen eines technischen Defekts aufgeben.

Wehrlein: "Im Moment überwiegt noch die Enttäuschung"

Es sollte seine letzte Siegchance in der Saison 2022 bleiben. "Im Moment überwiegt noch die Enttäuschung über dieses Wochenende (in Seoul) und unsere unglückliche zweite Saisonhälfte", sagte Wehrlein nach dem Finalrennen am vergangenen Wochenende. "Trotzdem haben wir viel Potenzial gezeigt, auch wenn wir nicht die Ergebnisse einfahren konnten, die wir hätten erreichen können."

Mit "unglücklich" meint Wehrlein vermutlich auch Unfälle wie in Seoul, in die das Team teils unverschuldet verwickelt wurde. Diese gehören in der Formel E allerdings zum Tagesgeschäft, passieren auch anderen Teams und treten vor allem auf, wenn man weiter hinten startet.

"Es gab trotz allem auch viel Positives. Unser Highlight war natürlich Mexiko. Das war ein Gefühl, das wir so schnell wie möglich wieder erleben wollen", so der E-Prix-Sieger Wehrlein. "Ich möchte mich beim Team für die tolle Unterstützung bedanken, für die harte Arbeit, aber auch für die Menschlichkeit. Wir werden alles dafür tun, um nächstes Jahr stärker zurückzukommen und hoffentlich viele Rennen zu gewinnen."

Wehrlein und Lotterer holten beim Berlin E-Prix noch einmal solide Punkte, doch mit dem Rennen in Jakarta begann eine katastrophale zweite Saisonhälfte für das Herstellerteam: Porsche sammelte in der "Rückrunde", bestehend aus acht Rennen, insgesamt mickrige 24 WM-Punkte. Zum Vergleich: In den ersten acht Rennen hatte das Team mehr als das Vierfache dessen geholt - 110 Zähler.

Flüchtigkeitsfehler führen zum Absturz

Durch diesen Negativlauf fiel Porsche vom fünften Gesamtrang bis auf den siebten WM-Platz ab. In Seoul verspielte das Team noch den einst sicher geglaubten sechsten Rang gegen Andretti, anstatt um den WM-Titel zu kämpfen. In der "Rückrundentabelle" belegte Porsche gar nur den achten Platz hinter Mahindra Racing. Nissan konnten die Deutschen gerade so um vier Punkte hinter sich lassen - dank Wehrleins siebtem Platz am Seoul-Samstag. Sonst waren nur Dragon und Nio schlechter.

Während der 27-jährige Wehrlein häufig noch das Maximum auf seinen Möglichkeiten herausholte, verlief Lotterers Abschiedstour bei Porsche völlig desolat mit vier Punkten aus den letzten acht Rennen. Immer wieder fiel der Routinier durch Unkonzentriertheiten auf. So etwa sein Start-Fauxpas in New York.

Auch in Seoul patzte Lotterer bereits vor dem Start: Er hatte sich zunächst auf der falschen Fahrbahnseite eingeordnet und anschließend nicht korrekt in seiner Startbox geparkt. Für diesen Flüchtigkeitsfehler erhielt er eine Durchfahrtsstrafe, die jedoch ohne Konsequenz blieb, da Lotterer wie schon am Samstag keine einzige Runde absolvierte - ein Novum bei einem "Double-Header" in der Formel E. An beiden Tagen wurde der Routinier früh in Kollisionen verwickelt.

Lotterer: "Nicht das, was ich mir zu meinem Abschied vorgestellt habe"

"Der Doppelsieg in Mexiko war ein echtes Highlight. Doch in der zweiten Saisonhälfte wurde es sehr schwierig, und auch Seoul war jetzt nicht das, was ich mir zu meinem Abschied vorgestellt habe", sagt Lotterer, der nach drei Jahren sein Cockpit an Antonio Felix da Costa übergibt und voraussichtlich zum neuen Porsche-Kundenteam Andretti wechseln wird.

"Ich möchte mich beim Team und bei Porsche für drei tolle Jahre bedanken", so Lotterer weiter. "Gemeinsam haben wir in dieser Zeit viele Höhen und Tiefen erlebt. Wir hätten uns mehr Erfolge gewünscht, hätten sie zweifellos auch verdient. Ich werde das Team vermissen."

Die schwache zweite Saisonhälfte war jedoch nicht die Schuld eines Einzelnen. Auch das Team leistete sich zahlreiche Fehler, auch bei verhältnismäßig simplen Dingen wie dem richtigen Timing im Qualifying. Als Porsche-Schwäche benennt auch Teamleiter Florian Modlinger "ganz klar ein paar Themen im operativen Geschäft, an denen wir noch arbeiten müssen."

"Wenn es wärmer wurde, und die Batterietemperaturen hochgingen, hatten wir einen Schwachpunkt", erklärt der ehemalige Audi-Mitarbeiter, der wenige Tage vor Saisonbeginn zu Porsche gewechselt war. "Daran haben wir seit einigen Rennen hart gearbeitet und konnten bis New York große Fortschritte erzielen. Um unsere Schwächen auszumerzen, ist unser Job fürs nächste Jahr, an der Liste mit Dingen zu arbeiten, die ich über den Saisonverlauf hinweg beobachtet und identifiziert habe."

Modlinger: "Rennen & Rennstrecken, die unsere Schwächen aufgezeigt haben"

Ein Vorteil sei, dass Modlinger schon während der Entwicklungsphase des neuen Gen3-Autos involviert sei und Feedback geben könne. "Ich freue mich wirklich darauf, im Januar wieder in Mexiko auf die Strecke zu gehen und zu zeigen, was wir in den Wochen zuvor erreicht haben."

"Insgesamt gesehen war es eine sehr wechselhafte Saison 8 für uns", resümiert Modlinger. "Da gab es absolute Highlights wie unseren Doppelsieg in Mexiko und die starke Performance in Monaco und Rom, aber auch Rennen und Rennstrecken, die unsere Schwächen aufgezeigt haben. An diesen werden wir jetzt hart arbeiten, um uns auf die Saison 9 vorzubereiten und unser Gen3-Auto konkurrenzfähig zu entwickeln. Unser Ziel im nächsten Jahr muss sein, konstant um Siege zu fahren und uns damit in die Position zu bringen, um den Weltmeistertitel zu kämpfen."

Vor dem Saisonstart am 14. Januar 2023 in Mexiko-Stadt - jenem Ort von Porsches größtem Erfolg - wird sich der letzte verbliebene Hersteller aus Deutschland aufraffen müssen. In drei Formel-E-Jahren, in denen Rivale Mercedes je zwei Fahrer- und Teamweltmeisterschaften gewann, trat Porsche mehr oder weniger auf der Stelle.

Das neue Gen3-Auto bietet eine gute Chance zum Neustart. Auch die Verpflichtung von Felix da Costa dürfte das Team voranbringen. Modlinger hat das Potenzial, Porsche endlich zu einem Topteam umzubauen, muss dafür aber sicherstellen, dass seine Mannschaft die zahlreichen kleinen Fehler abstellt.

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