Formel E

Team-für-Team-Halbzeitanalyse zur Formel-E-WM 2024: Jaguar vs. Porsche

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

Der Monaco E-Prix markierte die Halbzeit in der Formel-E-Saison 2024. Nach acht von 16 absolvierten Rennen führt Pascal Wehrlein die Fahrerwertung der Elektromeisterschaft an, in der Teamwertung hat Jaguar mit einem Doppelsieg im Fürstentum die Spitzenposition deutlich ausgebaut. Wie die elf Formel-E-Rennställe nach der ersten Jahreshälfte aufgestellt sind, liest du in unserer Team-für-Team-Halbzeitanalyse.

Seit dem Saisonauftakt in Mexiko-Stadt absolvierte die Formel E insgesamt 264 Rennrunden, auch wenn nur fünf Fahrer alle Umläufe des Jahres miterlebt haben. Die meisten Sessions gewann Mitch Evans (9). Die meisten Qualifying-Duelle fuhr Wehrlein (11), der auch die beste Durchschnittsposition in Qualifying (4,0) und Rennen erzielte (5,9).

Abgesehen von den Zahlen, Daten, Fakten und Statistiken spielten sich in der ersten Jahreshälfte jedoch einige weitere interessante Geschichten auf und neben der Formel-E-Strecke ab. Diese beleuchten wir in unserer traditionellen Halbzeitanalyse.

Hackordnung in der Formel E zur Saisonhalbzeit 2024

Platz 1 | Jaguar TCS Racing | 172 Punkte

Rennsiege:
2

Pole-Pos.:
1

Führungsrunden:
67

Podien:
7

In der zehnten Formel-E-Saison scheint die Zeit für den ersten Jaguar-Titel endlich reif zu sein. Dank seines neuseeländischen Fahrerduos ist das britische Team zur Saisonhälfte das einzige, das beide Fahrer bereits auf der obersten Stufe des Treppchens hatte.

Dabei hatte die Saison für Evans nicht besonders erfolgreich begonnen: In den ersten sieben Saisonläufen stand er nur in Sao Paulo auf dem Podium, während Teamkollege Cassidy bei den ersten drei Rennen dreimal an der Siegerehrung teilnehmen durfte und zwischenzeitlich die WM-Wertung sogar angeführt. In der Teamwertung liegt Jaguar gar seit Diriyah in Führung.

Mit einem souveränen Doppelsieg dank einer überragenden Team-Taktik in Monaco konnte Jaguar seinen Vorsprung sogar noch deutlich ausbauen und ist damit klarer Titelfavorit in der zweiten Saisonhälfte, zumal Berlin dem Team zu liegen scheint: 2023 konnte Jaguar dort einen Doppelsieg erzielen.

Platz 2 | TAG Heuer Porsche | 128 Punkte

Rennsiege:
2

Pole-Pos.:
3

Führungsrunden:
51

Podien:
2

Erster Verfolger von Jaguar ist das Porsche-Werksteam. 44 Punkte beträgt der Rückstand auf die Spitze nach acht von 16 Rennen.

Auch wenn das Team bislang nur zwei Podien feiern konnte - beide Male gewann Pascal Wehrlein das Rennen - zeigt es sich besonders im Qualifying stark verbessert: 2023 noch die Schwachstelle der Mannschaft aus Weissach, ist Wehrlein in dieser Saison auf eine schnelle Runde kaum zu schlagen. Bereits dreimal hat sich der Deutsche die Pole-Position gesichert, weitere viermal startete er aus den Top 8.

Antonio Felix da Costa hingegen ist aktuell der wohl größte Pechvogel in der Formel E: In Misano fuhr er als Erster ins Ziel, wurde wegen einer falschen Feder im Bereich der Pedalerie jedoch nachträglich disqualifiziert. In Tokio wurde er im Kampf um Platz 2 abgedrängt und verlor den sicher geglaubten Podestrang noch, in Monaco wurde er beim Unfall von Sebastien Buemi eingeklemmt und fiel ans Ende des Feldes zurück.

Wenn das Team seine Performance - insbesondere im Qualifying - auch in der zweiten Saisonhälfte beibehalten kann, können beide Piloten ein gewichtiges Wort im Kampf um Rennsiege und dadurch natürlich auch um den Titel mitreden.

Platz 3 | Andretti | 113 Punkte

Rennsiege:
1

Pole-Pos.:
0

Führungsrunden:
35

Podien:
4

Andretti liegt zur Saisonmitte auf dem dritten Platz. Auffällig: Nur dreimal kam in den ersten acht Rennen ein Fahrer des Teams in die Duell-Phase des Qualifyings.

In einem Punkt ist das Team hingegen spitze: Jake Dennis und Norman Nato haben in dieser Saison bereits 68 Positionen im Rennen gutgemacht und liegen in der Wertung des "ABB Driver of Progress" auf den Positionen 1 und 4. Während Dennis insbesondere im Rennen vorne mitkämpfen kann und bereits viermal auf dem Podium stand, tut sich Neuzugang Norman Nato bislang noch deutlich schwerer. Platz 6 ist sein bestes Rennergebnis, das er sowohl in Diriyah als auch in Tokio erzielte.

Wenn das Team seine Leistung im Qualifying verbessern kann, müssen sich Jaguar und Porsche an der Spitze warm anziehen.

Platz 4 | Nissan | 112 Punkte

Rennsiege:
1

Pole-Pos.:
2

Führungsrunden:
37

Podien:
4

Nissan ist mit Sicherheit die Überraschung in der Saison 2024: Dem Team ist ein großer Sprung nach vorn gelungen . Mit 112 Punkten hat es zur Saisonhalbzeit bereits mehr Zähler gesammelt als in der Vorsaison. Auf Andretti fehlt gar nur ein einziger Punkt.

Insbesondere Oliver Rowland sorgte für gute Ergebnisse: Viermal in Folge stand der Brite in dieser Saison auf dem Podium, in Misano erbte er sogar den Rennsieg, nachdem Antonio Felix da Costa disqualifiziert wurde. Nachdem das Team bei den ersten beiden Saisonläufen punktlos blieb, nahm es danach sechsmal in Folge zweistellige Punkte mit. Das schaffte nicht einmal Jaguar.

Sollte Fenestraz sein Potenzial in der zweiten Saisonhälfte besser nutzen, ist Nissan in dieser Saison noch einiges zuzutrauen: Der Rückstand nach vorne ist nicht uneinholbar.

Platz 5 | DS Penske | 102 Punkte

Rennsiege:
0

Pole-Pos.:
1

Führungsrunden:
20

Podien:
2

Selten ganz auffällig, aber konstant im vorderen Feld: So lässt sich die bisherige Saison von DS Penske beschreiben. In den ersten acht Rennen landete die beiden gold-schwarzen Boliden insgesamt zwölfmal in den Top 10.

In Monaco könnte dabei für Stoffel Vandoorne endlich der Knoten geplatzt sein: Der Belgier stand erstmals seit seinem Gewinn des Meistertitels 2022 auf dem Podium und verbesserte sich damit auf Platz 9 in der Gesamtwertung. Für Jean-Eric Vergne war das Saisonhighlight hingegen das Freitagsrennen in Diriyah, als er von der Pole-Position aus den zweiten Platz erzielte.

Sollten beide Fahrer weiterhin so konstant punkten wie bislang, ist für DS Penske bei nur elf Zählern Rückstand auf Platz 3 in diesem Jahr noch sehr viel drin.

Platz 6 | Maserati MSG Racing | 67 Punkte

Rennsiege:
1

Pole-Pos.:
0

Führungsrunden:
12

Podien:
2

Maserati ist in dieser Saison bislang (fast) ein Ein-Mann-Team: Max Günther liegt mit 65 Zählern auf dem sechsten Platz der Fahrerwertung. 37 Punkte Rückstand auf Pascal Wehrlein sind nicht uneinholbar, sodass der Rennsieger von Tokio sicherlich mit mehr als einem Auge auf die Top 5 der Meisterschaft schielt. Dahingegen bringt es Formel-E-Neuling Jehan Daruvala bislang nur auf zwei magere WM-Punkte.

Günther bewies in den ersten acht Rennen des Jahres zum ersten Mal in seiner Formel-E-Karriere die notwendige Konstanz, die es braucht, um in der Meisterschaft ein Wörtchen mitzureden. Siebenmal kam er in die Punkteränge, lediglich in Misano verpasste er diese als Zwölfter, nachdem er eine Zeitstrafe von fünf Sekunden erhielt. Einer der Profiteure war ausgerechnet sein Teamkollege, sodass Maserati als einziges Team neben Jaguar in jedem Rennen WM-Zähler erzielte.

In der Teamwertung fehlt Maserati zur Saisonhalbzeit schon ein ganzes Stück auf die Top 5. 35 Zähler Rückstand auf DS Penske sind mit einem Fahrer alleine sicherlich nicht so einfach aufzuholen. Um in der zweiten Saisonhälfte noch oben angreifen zu können, muss sich Daruvala also deutlich steigern.

Platz 7 | Neom McLaren | 63 Punkte

Rennsiege:
1

Pole-Pos.:
1

Führungsrunden:
24

Podien:
1

Alles andere als eine überragende erste Saisonhälfte hat Neom McLaren hinter sich, auch wenn der Sieg von Sam Bird in Sao Paulo ein wenig darüber hinwegtäuschen mag. Blickt man auf die Zahlen, dann sieht man, dass Oliver Rowland mit dem identischen Fahrzeug in den ersten acht Saisonrennen 25 Punkte mehr erzielt hat als beide McLaren-Piloten zusammen.

Erschwert wird die Situation durch die Tatsache, dass Sam Bird nach seinem Unfall im Freien Training in Monaco noch länger ausfallen wird. Für Berlin ist dies bereits offiziell bestätigt, aber dass er bereits zwei Wochen später in Shanghai wieder fahrtauglich sein soll, darf bezweifelt werden. Auch wenn Taylor Barnard ein solides Formel-E-Debüt im Fürstentum gefeiert hat, Meisterschaftszähler kann man vom jungen Briten auch in der deutschen Hauptstadt nicht erwarten. Bliebe also noch Jake Hughes, der jedoch auch eine durchwachsene Saison erlebt. Mit der Pole-Position in Misano und Platz 4 in Diriyah sind seine Saisonhöhepunkte bislang sehr überschaubar.

Auch wenn es punktuelle Highlights gab: McLaren ist 2024 ein Mittelfeld-Team in der Formel E, und wird das aller Voraussicht nach mindestens bis zur Rückkehr von Sam Bird bleiben.

Platz 8 | Envision Racing | 41 Punkte

Rennsiege:
0

Pole-Pos.:
0

Führungsrunden:
14

Podien:
2

Envision Racing darf man nach der ersten Saisonhälfte 2024 als den großen Verlierer bezeichnen: Der amtierende Meister in der Teamwertung durchlebt eine grottenschlechte Saison. Das Jaguar-Werksteam hat im Vergleich dazu mit dem identischen Antrieb mehr als viermal so viele Punkte erzielen können.

Insbesondere der Weggang von Nick Cassidy macht sich dabei bemerkbar. Weder Sebastien Buemi noch Rückkehrer Robin Frijns konnten bislang die notwendige Konstanz zeigen, auch wenn beide bereits je einmal auf dem Podium standen. In den anderen sieben Rennen zusammen erzielte Buemi jedoch nur zwei und Frijns nur drei Punkte. Damit ist eine potenzielle Titelverteidigung in weite Ferne gerückt.

Es graut einem angesichts dieser Ausgangslage vor dem Berlin E-Prix, wo das Team wegen der Terminüberschneidung mit dem WEC-Rennen in Spa-Francorchamps gleich beide Stammpiloten ersetzen muss. Envision Racing wird es in diesem Jahr sehr schwer haben, die Saison noch zu einem positiven Abschluss zu bringen.

Platz 9 | ERT | 23 Punkte

Rennsiege:
0

Pole-Pos.:
0

Führungsrunden:
0

Podien:
0

Manche Dinge in der Formel E sind einfach nicht erklärbar: So zeigte Dan Ticktum 2023 immer wieder, dass die Performance von ERT - oder Nio 333, wie das Team damals noch hieß - auf eine Runde gar nicht so schlecht war. 2024 ist der Brite hingegen mit einer durchschnittlichen Startposition von 18,3 unter allen 22 Stammpiloten der Rennserie der schlechteste Fahrer im Qualifying. Sein Teamkollege startet im Schnitt sechs Plätze weiter vorne.

In Verbindung mit der schlechteren Effizienz des ERT-Antriebs sorgt das dafür, dass die Fahrer im Rennen häufiger alternative Taktiken ausprobieren müssen, um im Rennen nach vorne zu kommen. Oftmals funktioniert das überhaupt nicht, manchmal gelingt dem Team jedoch so ein Glücksgriff: In Misano konnte Ticktum einen sensationellen vierten Platz holen, während er in den ersten fünf Saisonläufen nicht einmal unter die ersten 15 kam.

Dennoch: ERT muss nach hinten gucken und hoffen, dass ABT Cupra und Mahindra das höhere Potenzial des Autos auch in der zweiten Saisonhälfte nicht nutzen können. Nur so kann ERT sich bis Saisonende vor diesen beiden Teams behaupten.

Platz 10 | ABT Cupra | 18 Punkte

Rennsiege:
0

Pole-Pos.:
0

Führungsrunden:
4

Podien:
0

Im Vergleich zum Vorjahr zeigt sich ABT Cupra 2024 stark verbessert und hat das Mahindra-Werksteam bislang klar im Griff. Insbesondere Nico Müller hatte eine richtig gute erste Saisonhälfte und wird nicht ohne Grund mit einem Wechsel zu Porsche in Verbindung gebracht: Viermal hintereinander schaffte der Schweizer es in die Duell-Phase des Qualifyings, das gelang außer ihm nur Pascal Wehrlein.

Im Rennen tun sich die ABT-Fahrer weiterhin sehr schwer, die Effizienz des von ZF entwickelten Antriebs kommt einfach nicht an die Top-Antriebe heran. Das kann auch Lucas di Grassi, einer der erfahrensten und erfolgreichsten Fahrer der Elektroserie, nicht übertünchen. Es bleibt die Hoffnung, dass im kommenden Jahr mit Lola-Yamaha-Power alles besser wird.

Nach einer schwachen ersten Saisonhälfte liegt ERT für ABT Cupra jedoch definitiv noch in Reichweite. Mehr als Platz 9 dürfte für die "Äbte" aber einfach nicht drin sein.

Platz 11 | Mahindra | 0 Punkte

Rennsiege:
0

Pole-Pos.:
0

Führungsrunden:
0

Podien:
0

Auf dem letzten Platz der Teamwertung liegt nach acht von 16 Saisonrennen Mahindra, und zwar ohne einen einzigen Punkt. Ein Werksteam, das zwei mehrfache Rennsieger in seinen Cockpits sitzen hat, von denen einer gar bereits Weltmeister war, kann und darf damit nicht zufrieden sein.

Die mangelnde Konkurrenzfähigkeit zeigt sich bereits im Qualifying: Nur zweimal schaffte es Edoardo Mortara in die Duell-Phase, Nyck de Vries startete in Tokio von Platz 12 - sein bester Startplatz 2023! Insbesondere im Vergleich mit dem eigenen Kundenteam werden die Schwächen schonungslos offenbart: So schafft es Nico Müller immer wieder, auf eine Runde das Optimum aus dem Mahindra-Antrieb herauszuholen.

Aber auch im Rennen gelingt es de Vries und Mortara nicht, sich nennenswert nach vorne zu arbeiten. Das Mahindra-Team ist 2024 nur noch ein Schatten seiner selbst. Strenggenommen war es das im Vorjahr bereits, damals gelang es jedoch Lucas di Grassi an besonders guten Tagen, über die Grenzen des Autos hinauszuwachsen. Dies konnten wir beiden Fahrern in diesem Jahr noch nicht beobachten. Es deutet aktuell wenig darauf hin, dass Mahindra die "rote Laterne" in der Teamwertung 2024 noch abgeben wird.

Endgültig entschieden ist jedoch bislang noch nichts: Im weiteren Verlauf des Jahres vergibt die Formel E noch bis zu 240 Punkte. Der WM-Kampf ist rein rechnerisch also noch vollkommen offen. Wir begleiten den Rest der Saison für dich wie gewohnt mit Livestreams und unserem Hankook Formel E Liveticker - darunter auch den "Double-Header" in Berlin am 11. Mai und 12. Mai.

Zurück

0 Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 3 plus 6.