Formel E

Teamkollegen-Crash bei Envision zerstört Cassidys Titeltraum: "Bin vielleicht ein zu guter Teamplayer"

Timo Pape

Timo Pape

Buemi-Cassidy-Envision-London-Formula-E-2023

Das Samstagsrennen der Formel E in London hätte dramatischer kaum ablaufen können. Eine entscheidende Szene spielte sich kurz vor Rennhalbzeit ab: Siegfavorit Nick Cassidy kollidierte ausgerechnet mit seinem eigenen Envision-Teamkollegen Sebastien Buemi! Ein vollkommen unnötiger Unfall, der die WM-Hoffnungen Cassidys vorzeitig zunichtemachte. Nach dem Rennen bedauerten beide Fahrer die Kollision zutiefst.

In der Anfangsphase des Hankook London E-Prix hätte es kaum besser für Envision laufen können: Pole-Sitter Cassidy behauptete seine Führung, und Buemi überholte Jake Dennis bereits am Start für Platz 2. In den ersten Runden konnte der Schweizer Dennis clever blockieren und verschaffte Cassidy damit einen Vorsprung, den der Neuseeländer zu nutzen wusste: Trotz Fahrt durch die Attack-Zone blieb Cassidy vorn.

Nach seiner zweiten Attack-Mode-Aktivierung ließ sich Cassidy jedoch hinter Buemi zurückfallen, um ihn wiederum in eine optimale Ausgangslage zu bringen. Beide lagen immer noch vor Dennis, der jedoch Druck machte. Cassidy wollte schon bald wieder an seinem Teamkollegen vorbei und zeigte sich immer wieder in dessen Rückspiegel. Buemi fuhr jedoch weiterhin Kampflinie und machte keine Anstalten, den Titelanwärter vorbeizulassen.

In Runde 15 nahm die Envision-Katastrophe ihren Lauf: Buemi machte auf der Start-/Zielgeraden die Innenbahn zu, Cassidy versuchte daher, ihn außen herum zu überholen. Durch die Kurven 1 und 2 gingen beide noch nebeneinander, dann musste Cassidy vor der Linkskurve 3 zurückstecken. Beim Einscheren hinter seinem Teamkollegen verschätzte er sich minimal und berührte mit dem Frontflügel das Heck Buemis, woraufhin dieser beschädigt wurde.

Wenige Sekunden später löste sich der Frontflügel Cassidys und rutschte unter das Envision-Fahrzeug - der Moment, in dem er den möglichen WM-Titel verlor! Mit Rauchentwicklung musste Cassidy links zur Seite fahren und das Tempo herausnehmen. Er fiel ans Ende des Feldes zurück und schleppte sich an die Box. Zwar bekam er noch einmal einen neuen Frontflügel spendiert, doch in Runde 23 kehrte er an die Envision-Box zurück und gab endgültig auf.

Cassidy konsterniert: "In Rom war es nicht mit Absicht - heute vielleicht schon"

Wie emotional der "Kiwi" war, zeigte sich unmittelbar im TV-Weltsignal: Gleich zweimal schob er einen Kameramann zur Seite, der trotz mehrmaliger Bitte nicht von ihm ablassen wollte. Nach dem Rennen stellte sich Cassidy den Fragen verschiedener Medien, unter anderem von e-Formel.de. "Ich hatte meine beiden Attack-Modes schon aktiviert und wollte nett sein zu meinem Team. Also habe ich angeboten, meine Führung aufzugeben. Ich bin vom Gas gegangen und habe ihn (Buemi) vorbeigelassen, weil wir auch um die Teammeisterschaft kämpfen, und weil ich ein guter Teamplayer bin, glaube ich. Vielleicht bin ich ein zu guter Teamplayer."

"Ich dachte, ich könnte das Rennen auch so gewinnen", erklärt Cassidy weiter. "Ich habe nur versucht, ihm zu helfen." Nach dem Rennen habe er kurz mit Buemi gesprochen, gibt jedoch keine näheren Einblicke in den Dialog. "Ich musste nicht viel sagen... Ich bin nicht hier, um negative Kommentare über mein Team abzugeben." Dennoch lässt Cassidy durchblicken, wie tief der Frust über seinen Teamkollegen sitzt: "Wir haben in Rom einen auf den Sack bekommen und heute auch. Damals war es nicht mit Absicht (Abschuss durch Mitch Evans). Heute vielleicht schon."

Buemi: "Hätte ihn natürlich vorbeigelassen"

Auch Buemi bedauerte den Unfall mit seinem Teamkollegen bei ProSieben: "Wenn das Team gesagt hätte, dass ich ihn vorbeilassen soll, dann hätte ich das natürlich gemacht. Wir hatten das auch vor dem Rennen besprochen", sagt Buemi. "Aber da (in der Situation) habe ich nicht wirklich verstanden, was er machen wollte. Es ist so eng und schwierig, in den Kurven 3 und 4 jemanden vorbeizulassen."

ProSieben-Experte Daniel Abt fand nach dem Rennen deutliche Worte zur Aktion von Buemi, mit dem er in seiner aktiven Formel-E-Zeit auch des Öfteren aneinandergeraten war. "Ich kann ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, was er da sagt. Ich glaube nicht, dass sein Team ihm erklären muss, dass sein Teamkollege um die Weltmeisterschaft fährt. Es war von Anfang an klar, dass Cassidy angreift und dass er an ihm vorbei will."

"Normalerweise hätte schon Runden vorher ein ganz normaler Wechsel stattfinden müssen", so Abt weiter. "Dann so dagegenzuhalten, Kampflinie zu fahren, den Frontflügel kaputt zu fahren… Bei aller Liebe: Dass man das nicht macht, ist gesunder Rennfahrerverstand. Den Bock hat er selbst geschossen."

"Sehr schade für die Teammeisterschaft", doch Envision noch immer Spitze

Dabei hatte der London E-Prix so gut für Envision angefangen. "Wir haben am Anfang alles richtig gemacht. Nick konnte ohne Probleme seine zwei Attack-Modes holen, doch dann ist alles schiefgelaufen", erklärt Buemi. "Wir haben uns nicht wirklich verstanden. Das ist wirklich schade, denn wir hätten heute viele Punkte holen können. Es ist immerhin ein Podium, aber natürlich ist es sehr schade für die Teammeisterschaft."

Trotz des Cassidy-Ausfalls ist Envision - ausgerechnet dank der 15 Punkte von Buemi - noch immer Spitzenweiter in der Team-WM der Formel E. Der Vorsprung auf das eigene Werksteam Jaguar ist jedoch geschmolzen und beträgt nur noch acht Punkte. Die Entscheidung im Titelkampf fällt beim Saisonfinale am Sonntag. Rennstart in London ist abermals um 18 Uhr (MESZ).

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