Formel E

Venturi & di Grassi toben nach Strafe im Formel-E-Qualifying von London: "Absurd - müssen den Prozess verbessern"

Tobias Wirtz

Tobias Wirtz

Es war der erste große Aufreger beim London E-Prix: Dem Venturi-Fahrer Lucas di Grassi wurden im Qualifying am Samstag sämtliche Rundenzeiten gestrichen, weil er Mitch Evans und Robin Frijns auf ihrer schnellen Runde behindert haben soll. Statt in die Duellphase einzuziehen, musste der Brasilianer das Rennen von ganz hinten aufnehmen. Weder di Grassi noch Susie Wolff waren mit der Strafe einverstanden und äußerten sich drastisch.

"Ich bin eigentlich sprachlos", so eine konsternierte Susie Wolff unmittelbar nach dem Qualifying bei den Kollegen von 'ran racing'. "Für mich ist die Entscheidung komplett falsch. Es ist nicht klar, ob es wirklich eine Behinderung war, weil die Zeiten für diesen Sektor zeigen das eigentlich nicht. Evans ist leider im zweiten Versuch nicht schneller gefahren, aber alle anderen haben sich verbessert. Wir haben gesehen, dass das sogenannte Impeeding nichts am Endergebnis der Qualifying-Session verändert hat. Für uns macht es hingegen einen unglaublichen Unterschied, alle Rundenzeiten zu streichen. Diese Strafe für das, was da passiert ist, ist für mich eigentlich total falsch."

"Von dem, was ich in der Übertragung und in den Daten gesehen habe, kann man hinterfragen, ob das wirklich eine Strafe wert war", beschreibt sie. "Wir waren auf unserer In-Lap, sie waren auf der schnellen Runde, und Lucas ist zur Seite gefahren, das habe ich im Video klar gesehen. Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass die FIA eine solche Entscheidung getroffen hat, wo wir hier um die Weltmeisterschaft kämpfen. Das macht bei vier noch offenen Rennen einen Unterschied. Und man hat uns mit einer Entscheidung heute alles weggenommen."

"Wir versuchen alles, was wir können, vielleicht ein 'Right of Review'", so Wolff weiter. "Aber wir können keinen Protest gegen diese Entscheidung einlegen. Und es ist ja auch schon passiert - wir sind die Duelle nicht gefahren. Wie gesagt, ich bin sprachlos und sehr, sehr enttäuscht von dieser Entscheidung der FIA."

Das Team beantragte eine Überprüfung der Strafe, da die Zeiten von Evans' Mini-Sektoren gezeigt hätten, dass keine Behinderung vorgelegen habe. Teams und Rennleitung verfügen über eine umfassendere Zeitnahme, bei jeder der drei Streckensektoren noch einmal in kleinere Abschnitte unterteilt ist. Zusätzlich legten sie ein Foto aus Kurve 15 vor, wo zu sehen war, wie di Grassi Pascal Wehrlein überholte. An dieser Stelle soll es zur Behinderung von Frijns gekommen sein. Die Rennkommissare lehnten die Überprüfung ab, da es keine signifikanten neuen Informationen gegeben habe, die zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht vorlagen.

Di Grassi "überhaupt nicht einverstanden mit der Strafe"

"Zuerst einmal ist es eine absurde Strafe, die Rundenzeiten aberkannt zu bekommen", so di Grassi nach dem Rennen bei 'ProSieben'. "Und außerdem war der Grund absolut lächerlich. Dadurch war unser Tag sehr beeinträchtigt. Und ich bin überhaupt nicht einverstanden mit dieser Strafe."

"Dabei geht es nicht nur um meine Meinung, sondern um die Daten: Die Daten zeigen, dass es anders war", ist der Venturi-Pilot von seinem Standpunkt überzeugt. "Wie kann man entgegen der Daten diese Strafe verhängen? Das verstehe ich nicht. In dem Segment, wo ich ihn geblockt haben soll, fuhr er 'Purple'. Er fuhr dort also die schnellste Zeit von allen. Wie kann ich ihn da behindert haben? Das ergibt doch gar keinen Sinn."

"Das ist wie in der Formel 1", vergleicht di Grassi die Entscheidung. "Bei einem Zwischenfall in Q1 wird dir nicht die Rundenzeit in Q1 gestrichen. Du wartest bis nach Q2 und Q3 und gehst dann zu den Rennkommissaren. Ich habe noch nie in meinem Leben gesehen, dass alle Rundenzeiten gelöscht wurden."

"Ich bin anschließend zu Mitch gegangen und habe ihn gefragt: 'Mitch, habe ich dich behindert?' Seine Antwort war, dass es sehr knapp war und er aus seiner Sicht Zeit verloren habe. Ich sagte: 'Okay, aber in den Daten sieht das nicht so aus.' Was bedeutet es, wenn es danach aussieht, dass es zu knapp war? Meine Meinung ist, dass die Regel fair ist, wenn man auf den Daten sieht, dass man Zeit verloren hat. Daher muss man die Daten analysieren. Er hat keine Zeit verloren, daher war die Strafe nicht fair."

"Eine Entscheidung, die eine WM entscheidet"

Angesprochen auf die Überprüfung der Strafe, die Venturi beantragt hatte, erklärt di Grassi: "Ändert das was? Natürlich nicht. Nachdem eine solche Entscheidung getroffen wurde, ist das erledigt. Aber wir müssen den Prozess verbessern, damit so etwas nicht wieder passiert. Wenn wir in der Zukunft eine solche Situation haben, was ein absoluter Grenzfall ist, muss das anders gehandhabt und analysiert werden."

Du kannst nicht innerhalb einer Minute eine Entscheidung treffen, die eine Weltmeisterschaft entscheidet", beschreibt der Formel-E-Champion aus Saison 3 weiter. "Wir kämpfen um die WM. Ich habe jetzt vom letzten Startplatz aus zwei Punkte geholt. Ich hätte sonst zehn oder zwölf holen können, ich weiß es nicht. Man beraubt uns im Meisterschaftskampf mit einer Entscheidung, die in einem Sekundenbruchteil zwischen Qualifying-Gruppe A und den Duellen getroffen werden musste. Ich bin damit nicht einverstanden."

"Wir müssen den Prozess verbessern", regt er an. "Er muss fairer werden, objektiver und nicht so subjektiv. Ich habe schon viele Diskussionen mit den Rennkommissaren in verschiedenen Serien geführt. Die Diskussionen sind nicht gleich, weil es eine subjektive Sichtweise gibt. Ich bin ein großer Fan davon, den Prozess zu verbessern, indem mehr objektive Parameter berücksichtigt werden, um zu einheitlicheren Entscheidungen zu führen. Daran müssen wir für die Zukunft arbeiten."

Zuspruch erhielt der Brasilianer von Christian Danner. "Ob es eine Behinderung ist oder nicht, da gibt es schon mal unterschiedliche Meinungen", erklärt der Ex-Rennfahrer bei 'ProSieben'. "Aber normalerweise gibt es drei Plätze Rückversetzung, vielleicht auch fünf. Die Rundenzeiten zu löschen, ist zu viel - das macht man nicht. Da verstehe ich Lucas' Meinung absolut."

"Lucas hat völlig recht, wir sind bei ihm", so Danner weiter. "Das Maß der Strafe ist sicherlich daneben. Am Ende des Tages würde ich sagen, es war schlichtweg eine Fehlentscheidung, ein menschliches Versagen desjenigen, der die Entscheidung getroffen hat. Ich glaube, das Entscheidende ist, und das hat Lucas angeregt, dass man jetzt darüber spricht und sagt: 'Bevor uns das noch mal passiert, hätten wir gerne einen besseren Ablauf'."

Nach dem London E-Prix liegt Venturi mit 36 Punkten Rückstand auf Mercedes auf dem zweiten Platz der Teamwertung. Die Weltmeisterschaft ist trotz der Strafe für di Grassi noch nicht verloren. Das Saisonfinale findet in knapp zwei Wochen in Seoul (Südkorea) statt.

Zurück

0 Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 1 und 2.
Advertisement