Von 600 kW auf 6 MW: Wie Fortescue Zero Formel-E-Know-how in die Mine bringen will
Tobias Wirtz
Fortescue
Fortescue Zero kennt die Formel E seit der ersten Saison als Batterielieferant und ist seit vielen Jahren auch Technologiepartner von Jaguar TCS Racing. Das frühere Williams Advanced Engineering will die Rennserie mit einem eigenen Gen4-Team künftig noch stärker als Entwicklungslabor nutzen. Unter dem Motto "Track to truck" sollen Erkenntnisse aus Batterien, Software und Schnellladen in Fortescues riesige elektrische Minenfahrzeuge einfließen.
Der Name Fortescue Zero kann dabei leicht zu Missverständnissen führen. In der Formel E tritt nicht der australische Bergbaukonzern Fortescue selbst mit einem Rennteam an. Fortescue Zero ist vielmehr dessen Technologieunternehmen mit Sitz in Großbritannien und ging aus Williams Advanced Engineering hervor. WAE entstand aus dem Umfeld des Williams-Formel-1-Teams und wurde 2022 vollständig von Fortescue übernommen. Zwei Jahre später erfolgte die Umbenennung in Fortescue Zero.
Seine Motorsport-Wurzeln hat das Unternehmen jedoch nie verloren. WAE lieferte bereits die Batterietechnik für die erste Fahrzeuggeneration der Formel E und kehrte für Gen3 erneut als Batterielieferant zurück. Darüber hinaus arbeitet Fortescue Zero als technischer Partner von Jaguar. Mit dem eigenen Team kommt ab Saison 13 eine weitere Rolle hinzu: Erstmals tritt das Unternehmen nicht nur als Technologieanbieter, sondern auch selbst als Wettbewerber an.
Unter dem Schlagwort "Track to truck" will Fortescue Erkenntnisse aus dem Motorsport in die Schwerindustrie übertragen. Technologien und Entwicklungsansätze aus dem Rennsport sollen dabei unter anderem in Anwendungen für das Bergbaugeschäft des Konzerns einfließen.
Formel-E-Know-how für 240-Tonnen-Minenfahrzeuge
Fortescue beschreibt den Ansatz selbst mit einem auf den ersten Blick ungewöhnlichen Vergleich: Was hat ein Formel-E-Auto mit einem bis zu 240 Tonnen Nutzlast transportierenden Muldenkipper gemeinsam?
Die Einsatzgebiete könnten unterschiedlicher kaum sein. Während ein Formel-E-Auto auf maximale Performance und Effizienz über eine Renndistanz ausgelegt ist, müssen Fortescues elektrische Minenfahrzeuge über viele Stunden enorme Lasten unter extremen Bedingungen bewegen.
Die grundlegenden Entwicklungsfragen ähneln sich dennoch: Wie lässt sich Energie möglichst effizient einsetzen? Wie kann sehr hohe Leistung zuverlässig bereitgestellt werden? Und wie müssen Batterie-, Software- und Energiemanagementsysteme ausgelegt sein, damit sie auch unter hoher thermischer und mechanischer Belastung funktionieren?
Dabei ist "Track to truck" nicht als direkter Transfer einzelner Formel-E-Komponenten zu verstehen. Entscheidend sind vielmehr die Erkenntnisse aus Batterieentwicklung, Ladeleistung, Software und Energiemanagement.
Ein besonders greifbares Beispiel liefert das Schnellladen. In der Formel E stellt Fortescue Zero das Pit-Boost-System bereit. Die mobilen Ladegeräte arbeiten mit 600 kW und führen dem Rennwagen innerhalb von rund 30 Sekunden zusätzliche Energie zu. Im Bergbau bewegt sich dieselbe Aufgabenstellung in einer völlig anderen Größenordnung.
Vom 600-kW-Pit-Boost zum 6-MW-Lader
Für Fortescues Minen werden Schnellladesysteme mit einer Leistung von bis zu 6 MW entwickelt. Das entspricht dem Zehnfachen der Ladeleistung des Pit-Boosts in der Formel E. Damit soll ein batterieelektrischer Liebherr T 264 in rund 30 Minuten geladen werden können. Das riesige Minenfahrzeug kann bis zu 240 Tonnen Nutzlast transportieren. Für das Fahrzeug entstehen gemeinsam mit Liebherr unter anderem Batterie-, Antriebs- und Ladelösungen, bei denen auch Technologien und Know-how von Fortescue Zero zum Einsatz kommen.
Gerade hier wird die Rollenverteilung innerhalb der Gruppe deutlich: Fortescue Zero entwickelt Technologien, Fortescue setzt sie unter anderem in seinen Minen ein. Der Bergbaukonzern ist damit zugleich ein wichtiger Anwender der Lösungen, die Fortescue Zero perspektivisch auch anderen Industriekunden anbieten kann.
Wie Williams-Know-how Fortescues Bergbau elektrifizieren soll
Diese Verbindung zwischen Motorsport und Schwerindustrie war bereits ein wesentliches Motiv bei der Übernahme von Williams Advanced Engineering. Fortescue sicherte sich damit umfangreiches Know-how bei Hochleistungsbatterien, Elektrifizierung und Software.
Fortescue Zero beschäftigt sich dabei längst nicht erst seit dem Aufbau des eigenen Formel-E-Teams mit der Dekarbonisierung des Bergbaus. Batterien, Ladeinfrastruktur und Softwarelösungen für schwere Fahrzeuge gehören bereits zum Entwicklungsprogramm.
Das eigene Rennteam soll nun eine zusätzliche Entwicklungsumgebung schaffen. Fortescue Zero kann damit künftig Erfahrungen unter unmittelbaren Wettbewerbsbedingungen sammeln und in seine Technologieentwicklung einfließen lassen.
"In einem Rennen zählt jede Sekunde, und Innovationen können den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen", beschreibt Fortescue-Growth-and-Energy-CEO Gus Pichot den Ansatz. Motorsport sei für das Unternehmen deshalb mehr als die Jagd nach Pokalen. Vielmehr soll er als Plattform dienen, um neue Technologien zu entwickeln, zu testen und anschließend auch außerhalb des Rennsports einzusetzen.
Vom Technologiepartner zum eigenen Formel-E-Team
Mit dem eigenen Team erweitert Fortescue Zero damit ein Formel-E-Engagement, das bereits seit der Gen1-Ära besteht. "Der Schritt von der Boxengasse in die Startaufstellung ist das nächste Kapitel unserer Motorsportgeschichte", sagt Pichot. "Wir sind hier, um Rennen zu fahren, zu gewinnen und Innovationen voranzutreiben."
Ob "Track to truck" funktioniert, wird sich deshalb nicht daran messen lassen, ob Bauteile aus einem Formel-E-Auto unverändert in einem Minenfahrzeug landen. Entscheidend ist, ob die extremen Entwicklungszyklen und Belastungen des Rennsports tatsächlich zu besseren Batterien, Ladegeräten und Softwarelösungen für Fortescues industrielle Anwendungen führen.
Dann wäre der Weg nicht das im Motorsport häufig beschworene "Track to road", sondern tatsächlich: vom Track zum Truck.
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