Formel E

Wechselnde Aero-Kits, Frontmotoren-Entwicklung & 600 kW Leistung: FIA startet Ausschreibungsprozess für Gen4-Auto der Formel E

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

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Mit verschiedenen aerodynamischen Konzepten, 600 kW Rennleistung und einer Freigabe der Frontmotoren-Entwicklung will die Formel E 2026 in ihre vierte Fahrzeuggeneration starten. In der vergangenen Woche startete die FIA den Ausschreibungsprozess und gab die Entwicklungsvorgaben für interessierte Konstrukteure bekannt. Neu vergeben werden sollen die Zuliefererrollen für Chassis, Schnelllade- und Batteriesysteme sowie Reifen.

Auf insgesamt 142 Seiten definiert die FIA die Anforderungen für die technische Zukunft der Formel E. Das Auto, das den Arbeitstitel "Gen4" trägt, soll abermals schneller als sein Vorgängermodell werden und im Zeitraum zwischen 2026 und 2030 zum Einsatz kommen - mit der Option auf eine Vertragsverlängerung bis 2032. "Die Ausschreibung hat das Ziel, die Chassis-Architektur zu revolutionieren", schreibt die FIA in ihrer technischen Zusammenfassung.

Insbesondere plant der Internationale Automobil-Dachverband, dass die aerodynamische Performance der Fahrzeuge verbessert werden soll. Möglich werden soll dies unter anderem durch wechselnde Aero-Kits, die die Formel-E-Teams künftig an unterschiedliche Streckenbedingungen anpassen sollen. Ähnliches geschieht bereits seit Jahren in der IndyCar-Meisterschaft, wo es verschiedene Luftwiderstand-Spezifikationen für Oval- und Rundkursrennen gibt.

Bewegliche Aero-Teile & verschiedene Bodywork-Kits geplant

Wie 'e-Formel.de' bereits vor wenigen Wochen berichtete, ist für das Gen4-Auto eine Leistungssteigerung auf bis zu 600 kW vorgesehen - künftig mit einem Allradantrieb, nicht mehr nur via Heckantrieb. Diese Leistung soll der Wagen theoretisch im Rennen, Qualifying und im Attack-Mode abrufen können.

Diese bemerkenswerte Formulierung könnte einerseits darauf hindeuten, dass die Elektroserie eine Abschaffung des Attack-Modes erwägt. Schließlich ging der Attack-Mode bislang stets mit einer Leistungssteigerung einher. Theoretisch möglich ist allerdings auch, dass sich künftig im Attack-Mode nicht mehr die Leistung ändert, sondern die aerodynamischen Eigenschaften während der Fahrt. Der Luftstrom könnte über bewegliche Bauteile verändert werden, also ähnlich dem Effekt einer längerfristigen DRS-Aktivierung in der Formel 1.

Im Vergleich: Gen3 vs. Gen4 der Formel E

Kategorie Gen4 (Ausschreibung) Gen3
Max. Leistung (Qualifying) 600 kW (816 PS) 350 kW (476 PS)
Max. Leistung (Rennen, Energiesparen) 600 kW (816 PS) 300 kW (408 PS)
Max. Leistung (Rennen, kein Energiesparen) 300 kW (408 PS) 300 kW (408 PS)
Max. Leistung (Attack-Mode) 600 kW (816 PS) 350 kW (476 PS)
Max. Rekuperation 700 kW (h: 350 kW, v: 350 kW) 600 kW (h: 350 kW, v: 250 kW)
Batterie-Kapazität 55 kWh 38,5 kWh
Antrieb Allradantrieb Heckantrieb
Gewicht (Batteriegewicht) 930 kg (340 kg) 854 kg (284 kg)
Maße (B / L / H)
 
1.800 mm / 5.000 mm / 1.250 mm
 
1.707 mm / 5.016 mm / 1.023 mm
 

 

Die technischen Vorgaben lassen zudem Interpretationsspielraum bezüglich des Gen4-Rennformats zu. Die Formulierung zur maximalen Rennleistung bei "keinem Energiesparen" könnte auf die Einführung von Sprintrennen hindeuten (wir berichteten). So wären Szenarien möglich, in denen es Sprint-E-Prix mit einem "High-Downforce-Paket" und 600 kW gibt, aber auch Energiespar-Rennen mit einem "Low-Downforce-Paket" und 600 kW. Beziehungsweise mit nur 300 kW auf Strecken, wo die Höchstleistung zu gefährlich wäre. Eine offizielle Bestätigung des Sportlichen Formats erwarten wir erst in gut zwei Jahren.

Leistung bei Energierückgewinnung soll auf 700 kW steigen - auch bei Schnellladestopps

Die maximale Ladeleistung (und somit auch die Rekuperation während der Rennen) soll auf 700 kW steigen. Das Fahrzeuggewicht (inkl. Fahrer:in) steigt ebenfalls erheblich an - auf 930 kg. Grund ist der deutlich größere Akku, der durch den Leistungssprung nötig ist. Für das neue Batteriepaket wünscht sich die FIA eine Kapazität von 55 kWh und ein Höchstgewicht von 340 Kilogramm.

Auch die Entwicklung der 700-kW-Schnellladegeräte soll für die Saison 2026/27 neu ausgeschrieben werden. Das System dürfte während 30-sekündiger Boxenstopps zum Einsatz kommen. Künftig könnten das Schnelllade- und Batteriesystem von zwei verschiedenen Herstellern kommen. Aktuell ist für die Infrastruktur ebenfalls WAE, der Hersteller der aktuellen Gen3-Batterie, verantwortlich.

Für die standardmäßige 100-kW-Ladeinfrastruktur, die von den Teams zwischen den Sessions eingesetzt wird, ist wiederum nicht die FIA verantwortlich, sondern die Formel E - aktuell mit ihrem Partner ABB.

Frontmotoren-Entwicklung freigegeben, Diskussion über 20-Zoll-Reifen

Weitere technische Anpassungen betreffen die Entwicklungsfreigabe für Frontmotoren (künftig in Verantwortung der Formel-E-Hersteller) und die Einführung einer Servolenkung. Diskutiert wird zudem eine Vergrößerung der Räder: Die Chassis-Hersteller sollen Vorschläge für 18- und 20-Zoll-Felgen unterbreiten. Ob mit dem Gen4-Wagen auch erstmals Slick-Reifen Einzug in die Formel E halten, ist derzeit noch ungewiss, da die Veröffentlichung der Reifenhersteller-Ausschreibung noch aussteht.

Interessierte Zulieferer können die technischen Details seit der vergangenen Woche auf der Webseite der FIA einsehen, um ihre Konzepte zu erstellen. Bis zum 31. August 2023 müssen alle Dokumente eingereicht werden, ehe die FIA am 19. Oktober ihre finale Entscheidung trifft, die Autoproduktion in Auftrag gibt und die Hersteller zu den obligatorischen Crashtests im Oktober 2024 einlädt.

Bis zum 1. September 2026 müssen die finalen Rennfahrzeuge schließlich allen Herstellern zur Verfügung stehen, ehe die erste Gen4-Saison voraussichtlich Ende 2026 beginnt.

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