Formel E

Windschattenspiele & Dreifacherfolg: Das e-Formel.de Fahrer-Rating zum Sao Paulo E-Prix

Tobias Bluhm

Tobias Bluhm

Mitch-Evans-Podium-Sao-Paulo

Am Ende eines Rennens, das keiner anführen wollte, gab es doch noch einen Sieger: Mitch Evans gewann am vergangenen Wochenende seinen ersten E-Prix in der Gen3-Ära der Formel E. Nur 0,507 Sekunden trennten den Neuseeländer bei der Überquerung des Zielstrichs von seinen Jaguar-Markenkollegen Nick Cassidy und Sam Bird. Es brillierten aber auch noch andere. Unser Fahrer-Rating zum Sau Paulo E-Prix.

Große Aufholjagden wie jene von Pascal Wehrlein (von P18 auf P7) oder die Windschattenspielchen um Pole-Sitter Stoffel Vandoorne bewegten das Formel-E-Fahrerlager beim Sao Paulo E-Prix der Formel E. Wie nach jedem Rennen hat die Redaktion von e-Formel.de die Fahrerleistungen bewertet. Hierfür vergeben unsere Redakteur:innen Punkte auf einer Skala zwischen 1 und 10 für alle Fahrer. Anschließend werden die Piloten nach ihrem durchschnittlichen "Rating-Score" sortiert, und die besten zehn Leistungen von unserem Formel-E-Reporter Tobias Bluhm kommentiert. In die Wertung fließen ausschließlich die individuellen fahrerischen Leistungen ein, nicht das Potenzial des Autos oder äußerliche Umstände.

Das e-Formel.de Fahrer-Rating zum Sao Paulo E-Prix 2023

1. Mitch Evans | Jaguar TCS Racing | 9.7 Punkte

Mitch Evans spielte in Sao Paulo ein perfektes Spiel. Nachdem er im Qualifying seinen Teamkollegen Sam Bird in einem Duell in die Schranken wies, startete der Neuseeländer von Rang 3 in den E-Prix. In der ersten Phase des Rennens übte er sich in bewusster Zurückhaltung, um im Windschatten seiner Rivalen Energie zu sparen.

In genau dem richtigen Moment - vier Runden vor dem Ende - setzte er dann zu einem entschiedenen Angriff gegen Nick Cassidy (Envision) an, den er in der ersten Kurve hinter sich hielt und bis zum Zieleinlauf nicht mehr vorbeiließ. Am Ende wurde es zwar knapp mit Evans' Energie, doch der Neuseeländer hatte bis zum Schluss alles im Griff.

FAZIT: Seinen Sieg hat Evans seiner klugen Fahrweise und der hervorragenden Strategie seines Teams zu verdanken.

2. Nick Cassidy | Envision Racing | 9.3 Punkte

Die Podiumsserie von Nick Cassidy riss auch in Sao Paulo nicht ab. Zum dritten Mal in Folge schaffte er es beim Rennen in Brasilien aufs Treppchen, zum dritten Mal allerdings nicht als Sieger. Eigentlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Neuseeländer in dieser Saison einen E-Prix gewinnt. In Sao Paulo fuhr er gewohnt effizient und hielt sich trotz Taktik-Spielchen seiner Rivalen stets über Wasser, musste sich letztlich aber dem Werksfahrer Evans geschlagen geben.

FAZIT: Ein weiteres Toprennen von Cassidy, der langsam, aber sicher zum WM-Kandidaten avanciert.

3. Sam Bird | Jaguar TCS Racing | 9.0 Punkte

Nachdem Sam Bird im ersten Saisondrittel vor allem Rückschläge kassierte, dürfte sich nach dem Sao Paulo E-Prix Erleichterung in seiner Garagenhälfte breitgemacht haben. Der Brite fuhr ein überaus effizientes Rennen, und das, obwohl er bis zur Schlussphase des Laufs auffällig unauffällig blieb. Erst, als er wenige Runden vor Schluss die zwei DS-Penske-Fahrer hinter sich ließ, tauchte Bird auf dem Radar vieler Fans auf.

Dem vorausgegangen war ein Renntag voller positiver Vorboten: Im Qualifying schaffte es Bird bis auf Position 5. Den Hauptlauf nahm er aufgrund einer Strafversetzung von Rang 10 auf. Im Windschatten seiner Rivalen sparte Bird viel Energie, die er in den letzten drei Rennrunden einsetzte, um zu Evans und Cassidy aufzuschließen. Das Renntempo war jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits zu hoch, um seinen Energiepuffer noch in einen Sieg ummünzen zu können.

FAZIT: Nach einem durchwachsenen Saisonstart ist Sam Bird endlich zurück auf dem Podium in der Formel E - was für eine Erleichterung.

4. Antonio Felix da Costa | TAG Heuer Porsche | 8.0 Punkte

Fast hätte es mit dem zweiten Sieg in Folge geklappt! Antonio Felix da Costa ging das Rennen ähnlich strategisch wie der spätere Rennsieger Evans an und ergriff dabei eine Menge Eigeninitiative. "Versteht ihr, wie ich das spielen will?", fragte er während einer Safety-Car-Phase seinen Renningenieur, der mit einem wissenden "Ja, klar!" antwortete. Womöglich wäre sein Plan aufgegangen, wenn Felix da Costa sich nicht mit einem Verbremser selbst aus dem Podiumskampf genommen hätte.

FAZIT: Platz 4 ist ein gutes Ergebnis für den Porsche-Fahrer, doch ohne seinen Fahrfehler wäre er ein Kandidat für den Sieg gewesen. Schade!

5. Stoffel Vandoorne | DS Penske | 7.7 Punkte

Viel zu lange mussten Formel-E-Fans auf gute Leistungen vom Vorjahresmeister Stoffel Vandoorne warten. Offenbar machte dem Belgier der Teamwechsel zu DS Penske zu schaffen - zumindest lassen das seine vorausgegangenen Ergebnisse vermuten (P10, P11, P20, P8, P7). Insbesondere im Qualifying ließ Vandoorne bislang Federn - nicht so in Sao Paulo.

Mit einer selbstbewussten Leistung schnappte sich Vandoorne beim Brasilien-Debüt die erste Pole-Position für Penske seit 90 Rennen. Was im Kontext anderer Serien absurd klingen würde, brach ihm in Sao Paulo dann aber mutmaßlich das Genick: Er führte zu viele Runden an. Während Vandoorne "ein Loch in die Luft schlug", sparten seine Rivalen im Windschatten mehrere Kilowattstunden Energie ein. Das Defizit machte sich in der zweiten Rennhälfte bemerkbar, als der Belgier bis auf Platz 6 zurückfiel.

FAZIT: Falls jemand dran gezweifelt hat: Stoffel Vandoorne ist weiterhin ein Topfahrer in der Formel E. Das stellte er in Sao Paulo unter Beweis.

6. Pascal Wehrlein | TAG Heuer Porsche | 7.7 Punkte

Die Achillesferse von Wehrlein ist in diesem Jahr das Qualifying. Nach einem Mauerkuss auf seiner schnellen Runde schaffte er es auch in Sao Paulo nicht in die K.-o.-Duelle. Durch eine zusätzliche Strafe startete er den E-Prix gar nur von Position 18. Was wohl möglich gewesen wäre, wenn er aus den Top 10 gestartet wäre?

Schließlich fuhr Wehrlein ein hervorragendes und strategisches Rennen, bei dem er dank der guten Effizienz seines Antriebsstrangs elf Rivalen hinter sich ließ. Am Ende blieb ihm mit Position 7 ein starkes Ergebnis, dank dem er - neben Jake Dennis' Ausfall - seine WM-Führung ausbaute.

FAZIT: Mit einem besseren Qualifying wäre wohl auch Wehrlein ein Siegkandidat gewesen.

7. Jean-Eric Vergne | DS Penske | 7.3 Punkte

Jean-Eric Vergne war in Sao Paulo unauffälliger als zuletzt in Kapstadt, performte aber trotzdem am Maximum. Mehr als Position 5 war für ihn nicht möglich - zu groß war der Effizienzrückstand gegenüber Jaguar und Porsche. Startplatz 7, Zielrang 5 und WM-Position 4 (mit rechnerischen Chancen auf die Gesamtführung im ersten Berlin-Rennen) sind nichtsdestotrotz ein hervorragendes Resultat.

FAZIT: Vergne ließ in Sao Paulo nichts unversucht und maximierte sein Potenzial - weiter so!

8. Sebastien Buemi | Envision Racing | 7.0 Punkte

Nachdem in Kapstadt noch Pascal Wehrlein einen frühen Unfall mit Sebastien Buemi auslöste, schritt in Sao Paulo Maserati-Pilot Maximilian Günther zur Tat - wenn auch unfreiwillig. Der berühmte Ziehharmonika-Effekt zwang den Deutschen dazu, wenige Meter vor dem Envision-Fahrer in die Eisen zu steigen. Buemi konnte nicht mehr ausweichen und stieg am Maserati-Hinterrad auf - ganz genau wie Robin Frijns (ABT Cupra) beim ersten Saisonrennen in Mexiko.

Buemi wurde beim Auffahrunfall das Lenkrad aus der Hand geschlagen. Mit starken Schmerzen in der Hand beendete er das Rennen dennoch. Der Schweizer nutzte die Effizienz des Jaguar-Motors sowie seine gesamte Formel-E-Erfahrung, um dabei sogar bis in die Punkteränge zu fahren. Eine sagenhafte Einzelleistung des Altmeisters!

FAZIT: Buemis Rennen hätte ein weitaus besseres Ergebnis als Platz 10 verdient gehabt.

9. Jake Hughes | Neom McLaren | 6.0 Punkte

Schon in Kurve 2 hätte alles vorbei sein können: Norman Nato (Nissan) stieg am Heck von Hughes auf und beschädigte dabei auch den McLaren-Rennwagen. Mit einer leicht demolierten Karosserie bestritt der Brite daraufhin aber ein effizientes Rennen, das er auf einem vollkommen verdienten Platz in den Punkten beendete. Balance- und Reifenprobleme erlaubten kein besseres Ergebnis.

FAZIT: Noch ein solides Rennen von Hughes, dem man gar nicht anmerkt, dass er gerade seine Rookie-Saison in der Formel E bestreitet.

10. Rene Rast | Neom McLaren | 6.0 Punkte

Effizient, methodisch und unaufgeregt bestritt Rene Rast seinen Sao Paulo E-Prix. Der Deutsche arbeitete perfekt mit seinem Teamkollegen Jake Hughes zusammen, um sein viertes Top-10-Resultat der Saison zu verbuchen. Das Kräfteverhältnis der Teams in der Formel E, Startplatz 11 sowie leichte Defizite in der Rennpace verhinderten ein besseres Resultat für Rast.

FAZIT: In der Formel E ist es nie leicht - Rast lieferte in Sao Paulo ein gutes Beispiel dafür.

Die weiteren Positionen im Fahrer-Rating:

 

Position Fahrer Note Startplatz Endergebnis
11. Maximilian Günther (Maserati MSG) 5.7 Platz 9 Platz 11
12. Sergio Sette Camara (Nio 333) 5.7 Platz 16 Platz 17
13. Norman Nato (Nissan) 5.7 Platz 8 DNF
14. Jake Dennis (Andretti) 5.3 Platz 14 DNF
15. Lucas di Grassi (Mahindra) 5.3 Platz 22 Platz 13
16. Nico Müller (ABT Cupra) 5.3 Platz 13 DNF
17. Sacha Fenestraz (Nissan) 5.0 Platz 15 DNF
18. Oliver Rowland (Mahindra) 4.7 Platz 19 Platz 15
19. Andre Lotterer (Andretti) 4.3 Platz 21 Platz 12
20. Edoardo Mortara (Maserati MSG) 4.3 Platz 4 DNF
21. Robin Frijns (ABT Cupra) 4.0 Platz 20 Platz 14
22. Dan Ticktum (Nio 333) 3.3 Platz 16 Platz 17

 

So hat die Redaktion abgestimmt:
Fahrer Tobias Bluhm Timo Pape Tobias Wirtz Durchschnitt
01. Mitch Evans 10 9 10 9,67
02. Nick Cassidy 10 8 10 9,33
03. Sam Bird 10 8 9 9,00
04. Antonio Felix da Costa 8 8 8 8,00
05. Stoffel Vandoorne 8 7 8 7,67
06. Pascal Wehrlein 8 7 8 7,67
07. Jean-Eric Vergne 7 7 8 7,33
08. Sebastien Buemi 6 7 8 7,00
09. Jake Hughes 6 6 6 6,00
10. Rene Rast 6 6 6 6,00
11. Maximilian Günther 5 6 6 5,67
12. Sergio Sette Camara 6 5 6 5,67
13. Norman Nato 5 6 6 5,67
14. Jake Dennis 5 5 6 5,33
15. Lucas di Grassi 6 4 6 5,33
16. Nico Müller 6 5 5 5,33
17. Sacha Fenestraz 5 4 6 5,00
18. Oliver Rowland 5 4 5 4,67
19. Andre Lotterer 4 4 5 4,33
20. Edoardo Mortara 4 5 4 4,33
21. Robin Frijns 5 4 3 4,00
22. Dan Ticktum 3 3 4 3,33

 

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