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Andre Lotterer im Interview: "Mit Technik allein kannst du hier keine Wunder bewirken"

Andre Lotterer hat für sein drittes Formel-E-Jahr einen neuen Weg eingeschlagen. Nach zwei Saisons mit DS Techeetah, dem amtierenden Meisterteam, kehrt er zu seinem langjährigen Arbeitgeber Porsche zurück, bei dem er seit 2017 Werksfahrerstatus hat. Bei der Enthüllung des neuen "99X Electric" in Stuttgart hat sich 'e-Formel.de' ausgiebig mit dem 37-jährigen Deutschen unterhalten - über seine neue Arbeitsumgebung bei Porsche, das Verhältnis zu seinem Ex-Team und eine leicht bekleidete Aktion auf Instagram…

Andre, als wir uns zum letzten Mal unterhalten haben, hast du noch einen schwarzen Overall getragen. Seit wann bist du bei Porsche aktiv an Bord?

Direkt am Montag nach dem New York E-Prix (15. Juli) bin ich hergeflogen. Wir haben gleich die ersten (PR-) Bilder gemacht und ein paar erste Meetings abgehalten, um zu schauen, wie hier alles aufgebaut ist. Welche Software-Architektur sie haben und so weiter. Und eine Woche später saß ich schon im Simulator.

Wie gefällt dir dein neues Auto?

Es schaut schon geil aus. Wenn es so gut ist, wie es aussieht, dann sind wir glaube ich schnell unterwegs.

Porsche hat bislang gut die Hälfte seines Hersteller-Testkontingents von 15 Tagen aufgebraucht. Hast du den 99X Electric bereits auf der Strecke getestet?

Ja, ich habe schon mehrere Testtage absolviert. Es gibt ja insgesamt nicht so viele, aber ein bisschen was ist noch übrig bis zu den kollektiven Testfahrten in Valencia (15. bis 18. Oktober). Das ist ja ein offizieller Test für alle Teams, der nicht zu unserem Hersteller-Kontingent zählt.

Spürst du beim Fahren einen Unterschied zwischen dem DS und dem Porsche?

Ja, das ist erstaunlich, dass man trotz gleichen Chassis und gleicher Leistung einige Unterschiede fühlt. Das betrifft zum Beispiel die Balance, das Bremsverhalten, wie du mit deinen Einstellungen umgehst, und welchen Einfluss sie auf dein Fahrverhalten haben. Das ist schon interessant.

Welches der beiden Autos fühlt sich schneller an?

Das ist unmöglich zu sagen, ob sich der Porsche nun schneller anfühlt als der DS oder nicht. Ich bin nicht mit beiden Autos auf derselben Strecke gefahren.

Du sprichst das unterschiedliche Bremsverhalten an. Spielen die Brake-by-Wire-Systeme eine Rolle?

Nein, das ist nicht so ein großer Unterschied. Ich denke, das funktioniert in beiden Autos ganz gut. Es geht eher um Bremsmappings, also wie sich die Bremsbalance beim Fahren und Anbremsen verhält, was für eine Motorbremse man einstellt. Es gibt viele Systeme, die da zusammenspielen.

Du warst ab 2017 mit Porsche im LMP1-Auto in der WEC unterwegs. Hat sich die Mentalität beim neuen Projekt Formel E verändert?

Es ist schon ein bisschen anders. Wir haben jetzt ein kleineres Team. Beim LMP-Fahrzeug haben wir ja das ganze Auto gebaut, mit Batterie und so weiter. Alles war sehr exotisch, das war eine ganz andere Maschine. Jetzt bei der Formel E ist hingegen die Software viel komplexer. Du hast ein viel kleineres Fenster, um den Unterschied zu machen. Trotzdem hast du in diesem Fenster sehr viele Möglichkeiten und verbringst viel Zeit damit, dich damit auseinander zu setzen.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit deinem Teamkollegen Neel Jani?

Wir kennen uns schon sehr lang und waren ja schon ab 2017 Teamkollegen. Eigentlich seitdem sogar kontinuierlich, denn nach dem LMP-Aus (von Porsche) sind wir zusammen zu Rebellion gegangen. Wir waren in den letzten drei Jahren also viel gemeinsam unterwegs.

Hat sich das Verhältnis zu deinem Ex-Team DS Techeetah durch den Wechsel verändert?

Das Team hat mir schon zu verstehen gegeben, dass sie enttäuscht sind, aber sie wünschen mir das Beste. Wir sind friedlich auseinandergegangen, das lief alles sauber. Natürlich hatten sie sehr gepusht, damit ich bleibe. Und es war keine leichte Entscheidung für mich, denn das waren echt gute Leute - eine Toptruppe, die mir die Möglichkeit gegeben hat, in der Formel E zu starten. Dafür bin ich sehr dankbar, und ich freue mich schon darauf, sie im Paddock wiederzusehen. Aber letztendlich wollte ich bei Porsche sein und mich dieser neuen Herausforderung stellen.

Warum?

Die Formel E wächst weiterhin, und wenn es technisch jemand drauf hat, dann Porsche. Ich weiß, sie werden alles daran setzen, vorne zu sein. Diese Gelegenheit wollte ich nicht verpassen. Außerdem habe ich hier eine langfristige Perspektive und die Liebe zur Marke. Für mich als Deutscher ist es schon prestigeträchtig, für Porsche zu fahren. Auch dass dieses Team Topressourcen und Ingenieure hat, sprach für Porsche.

Nichtsdestotrotz hast du das aktuelle Topteam der Formel E verlassen…

Natürlich ist Porsche neu in der Formel E - das ist im Vergleich zu den erfahrenen Teams ein Risiko. Aber wenn jemand technisch gesehen das Zeug dazu hat, dann ist es Porsche. Deshalb habe ich mich zu diesem Schritt entschieden. Und vielleicht habe ich mir ja auch gedacht: Ich schaffe es bei DS irgendwie einfach nicht, ein Rennen zu gewinnen - vielleicht klappt es ja mit einem neuen Auto bei Porsche (grinst).

Wer wird euer stärkster Gegner in der nächsten Saison - dein Ex-Team?

Wie du gesehen hast, ist es in der Formel E schwierig, eine Prognose abzugeben. Letztes Jahr war DS Techeetah stark, aber ich denke, das war eher eine Kombination aus guter Vorbereitung und guten Teamkollegen. Ich würde nicht sagen, dass wir technisch überlegen waren. Das ist in der Formel E glaube ich nicht möglich. Es geht mehr darum, sein Auto wirklich gut zu kennen. Mit Technik allein kannst du hier keine Wunder bewirken. Trotzdem hoffe ich natürlich, dass wir in Sachen Effizienz auf dem besten Level unterwegs sind.

Jean-Eric Vergne hat neulich ein Foto auf Instagram gepostet, auf dem ihr zusammen grillt. Augenscheinlich hattest du nur eine Schürze an. Die wichtigste Frage deshalb zum Schluss: Warst du darunter nackt?

Natürlich nicht! (lacht) Das sah nur so aus mit der Schürze, aber darunter hatte ich etwas an. JEV (Vergne) und ich haben eine gute Freundschaft aufgebaut, und die wird auch bleiben.

Foto: Porsche

von Timo Pape 

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