Jens-Marquardt-BMW-Motorsportdirektor

BMW-Motorsport-Chef Marquardt: "Auch wir als Team hätten besseren Job machen müssen"

Das Team BMW i Andretti Motorsport hat in seiner ersten Saison als Werksteam insgesamt einen positiven Eindruck hinterlassen. Höhepunkt war gewiss der Auftaktsieg in Diriyya von Antonio Felix da Costa. Den Tiefpunkt erreichten die Münchner beim anschließenden Rennen in Marrakesch, als Felix da Costa und Teamkollege Alexander Sims im Kampf um den Sieg zusammenprallten und den sicher geglaubten Sieg aus den Händen gaben. Danach konnte BMW seine Pace der ersten beiden Rennwochenenden nicht mehr behaupten, bevor es beim Saisonfinale in New York noch einmal bergauf ging. Der bayerische Automobilhersteller belegte in der Teamwertung Platz 5, die Fahrer Felix da Costa und Sims kamen auf die Plätze 6 respektive 13.

BMW-Motorsportdirektor Jens Marquardt zeigt sich im Gespräch mit den Kollegen von 'Motorsport-Magazin.com' zufrieden nach dem Premierenjahr der Münchner. "Wir hatten im Laufe der Saison ein paar Highlights, und ich kann eine positive Bilanz ziehen", resümiert Marquardt. "Unsere Erwartungshaltung war, vorne mitzufahren, Podestplätze anzupeilen und auch mal ein Rennen zu gewinnen, wenn es gut läuft", erinnert sich der BMW-Verantwortliche an die Zielsetzung vor gut einem Jahr.

Die Erwartungen konnte BMW bestätigen, denn neben Felix da Costas Auftaktsieg gab es für die Münchner vier weitere Podestplätze in der abgelaufenen Saison. Dennoch trauert Marquardt der verpassten Siegeschance in Nordafrika heute noch nach: "Was in Marrakesch passiert ist, war wirklich schade. Da hätten wir auf unseren Auftaktsieg noch einen draufsetzen können. Letztlich haben wir das analysiert und unsere Lehren daraus gezogen", bedauert er. Mit einem BMW-Doppelsieg, der durchaus verdient gewesen wäre, wäre die Saison womöglich anders verlaufen.

Marquardt nimmt den Fauxpas von Marrakesch zum Teil auch auf seine Kappe - man hätte Felix da Costa einbremsen und Sims den Vortritt auf den Sieg lassen sollen. "Auch wir als Team hätten einen besseren Job machen müssen. Wir haben von außen ja den Überblick. Man hat gesehen, dass Alex in dieser Phase klar der schnellere Fahrer war", gibt der BMW-Verantwortliche im Interview offen zu. Von Mercedes-Motorsport-Boss Toto Wolff habe Marquardt dazu eine witzige SMS erhalten, deren Inhalt er allerdings nicht verraten wollte.

BMW noch nicht auf Augenhöhe mit den Top 3 der Formel E

Der 52-jährige BMW-Motorsportdirektor zählt sein Team gemäß der Gesamtwertung neben DS Techeetah, Audi, Nissan und Virgin zu den Top 5 der Formel E. Für die besten Drei habe es seiner Meinung nach noch nicht gereicht - ob der fehlenden Erfahrung. "Dazu musst du mit beiden Autos kontinuierlich in die Punkte fahren. Das war unser Ziel, und das Paket war dazu in der Lage, wir haben es in dieser Saison aber nicht erreicht", stellt Marquardt fest.

Mit seinen beiden Stammpiloten Felix da Costa und Sims zeigt sich Marquardt dennoch zufrieden. "Bei Alex lief es in den ersten Rennen nicht optimal. Ich sehe da keine Schuld, es war viel Pech dabei", nimmt Marquardt den Briten in Schutz. Sims konnte noch rechtzeitig zu Saisonabschluss beim "Double-Header" in New York mit den Plätzen 2 und 4 seine Bewerbungschancen auf ein vakantes BMW-Cockpit für Saison 6 verbessern. Der Brite testete vergangene Woche erneut für die Münchner auf dem "Circuit de Miramas" in Südostfrankreich.

Für die Leistungen von Felix da Costa hat der BMW-Motorsportchef nur lobende Worte übrig: "Antonio hatte von Anfang an Chancen auf die Meisterschaft. Da fährst du nicht immer mit 100 Prozent Risiko, weil du dir einen Ausfall und null Punkte nicht leisten kannst. Antonio hat sehr konstant gepunktet und sich in der einen oder anderen Situation auch mal zurückgehalten, statt die Brechstange auszupacken. Da ist er inzwischen clever genug."

Nichtsdestotrotz steht Felix da Costa kurz vor einem Wechsel zum Formel-E-Team DS Techeetah, wo er aller Voraussicht nach das Cockpit des Deutschen Andre Lotterer übernimmt, der zu Neueinsteiger Porsche wechselte. Bei den bisherigen Testfahrten der Münchner zur neuen Saison war Felix da Costa, der seit 2014 BMW-Werkspilot ist, bereits nicht mehr an Bord.

Zukunft kann kommen

Mit Blick auf die bevorstehende Saison, die am 22. November erneut in Diriyya startet, zeigt sich Marquardt zuversichtlich: "Für die nächste Saison kennen wir schon ein paar Dinge. Unser Antriebskonzept und Antriebsstrang sind mit Blick auf die Effizienz sehr gut. Auch unsere Strategie, wenngleich wir ein paar Dinge rückwirkend anders machen würden", sagt der BMW-Verantwortliche. Die Basis für eine vielversprechende Saison ist laut Marquardt geschaffen.

Der eigens entwickelte BMW-Antriebsstrang hat sich als konkurrenzfähig erwiesen. Jetzt geht es darum, an den richtigen Stellschrauben zu drehen. "Beim Antrieb schauen wir uns ein paar Dinge an, wobei die Hardware nicht mehr so im Fokus steht. Es geht eher ums Feintuning." Auf mechanischer Seite überlege BMW, ob es zum Beispiel beim Aufbau der Heckstruktur noch etwas zu optimieren gäbe. Und an der Software könne man sowieso kontinuierlich weiterarbeiten. Ein wichtiger Punkt sei auch die Simulator-Arbeit, denn beim Ein-Tages-Format der Formel E liege der Schlüssel ein einer guten Vorarbeit, so Marquardt.

Mit der Vermarktungsstrategie der Formel E zeigt sich Marquardt zufrieden, strebt aber andere Locations im Rennkalender an. "Ein Rennen in München würde ich mir neben Berlin wünschen." Zudem wäre Skandinavien für Marquardt eine interessante Option. Die asiatischen Rennen könnten ihm nach weiter ausgebaut werden, schließlich sei der asiatische Raum ein sehr wichtiger Markt in Bezug auf die Elektromobilität für BMW. Immerhin sei es der Formel E mit Seoul gelungen, einen neuen asiatischen Gastgeber für Saison 6 zu finden. Die südkoreanische Hauptstadt feiert am 3. Mai 2020 Premiere in der Elektrorennserie. Während Hongkong (1. März 2020) erneut fix terminiert ist, bleibt Sanya (China) weiterhin offen.

Foto: BMW

von Erich Hirsch  

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