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Diriyya im Portrait: Formel-E-Saisonstart in der Wiege Saudi-Arabiens

Mit rund 30.000 Einwohnern ist Diriyya bei Weitem keine der Metropolen, die die Formel E im Verlauf ihrer Saison üblicherweise besucht. Dennoch blickt der Vorort der saudi-arabischen Hauptstadt Riad auf eine reichhaltige Geschichte zurück. Nicht zuletzt ist Diriyya, einst sogar die Hauptstadt eines eigenen Emirats, die Heimat der Familie Al Saud, nach dem das heutige Saudi-Arabien benannt ist. Kurz vor dem ersten E-Prix der zweiten Formel-E-Generation wirft unser Redakteur Tobi einen Blick auf die vielseitige Historie des Ortes, an dem die Elektroserie am Samstag in ihre neue Saison startet.

Der Blick in die Geschichtsbücher von "ad-Dir'iyya" ist eng verbunden mit einem Blick in die magische, uns so fremd erscheinende Geschichte von Saudi-Arabien. Ursprünglich umfasste Diriyya ein weitläufiges Gebiet mit mehreren Siedlungen am östlichen Ufer einer Oase im Nordosten von Riad. Bis ins 18. Jahrhundert siedelten sich immer neue Familien und Beduinen-Gruppen in Diriyya an.

Die Wiege des modernen Saudi-Arabien

Dank einflussreicher Herrscher stieg der Ort schnell zu einem politischen Zentrum der arabischen Halbinsel auf. Von al-Turaif ausgehend, einer der Hauptsiedlungen von Diriyya, steuerte zwischen 1735 und 1785 der einflussreiche Stammesführer Muhammad ibn Saud die Geschicke von Naschd, einer Region im Zentrum von Saudi-Arabien. Al-Turaif (und damit Diriyya) fungierte unter Muhammad schon ab 1725 gewissermaßen als "Hauptstadt" einer Region dreimal so groß wie Deutschland.

Später sollte Muhammad ibn Saud den ersten Saudi-Staat gründen. Sein Enkel Turki begründete später eine zweite Saud-Dynastie - und dessen Urenkel Abdul Aziz 1902 das heutige Königreich Saudi-Arabien.

Unter Muhammads Herrschaft blühte Diriyya regelrecht auf. Es entstanden Paläste, Dattelgärten und Gutshäuser, die den wachsenden Reichtum von Diriyya auch im Stadtbild widerspiegelten. Muhammad erschloss in mehreren Kriegen gemeinsam mit der skrupellosen islamistischen Wahabiten-Bewegung weite Teile der Halbinsel und eroberte Teile des heutigen Jemen, Oman, Syrien und Irak. 1806 drangen Muhammads Nachfolger schließlich sogar bis nach Mekka vor, den zentralen Wallfahrtsort des Islam.

Mekka-Eroberung als Wendepunkt für Diriyya

Die Mekka-Eroberung stellte jedoch einen tragischen Wendepunkt in der Geschichte von Diriyya dar. Schließlich waren die wenigsten Großmächte der Region, ganz besonders die Osmanen, einverstanden mit der neuen Macht der Saudis auf der Halbinsel. Gemeinsam mit dem Sohn des damaligen ägyptischen Statthalters griff Sultan Mahmud II. die Armee der al-Saud-Familie an, belagerte ihre Städte und besiegelte 1818 - vor exakt 200 Jahren - mit der fast vollständigen Zerstörung von Diriyya das vernichtenden Ende des ersten Saudi-Staates.

In weniger als einem Jahrhundert durchlebte Diriyya ein rasantes Wachstum und einen ebenso abrupten Fall. Nach der Eroberung der Stadt durch die Osmanen wurden wichtige Mitglieder der Saud-Familie verschleppt oder hingerichtet, ehe zuletzt auch die Stadt zerstört wurde. Bis heute blieb der historische Stadtteil von at-Turaif verfallen, nur noch wenige Häuser blieben bestehen.

Neugründung in den 1970er-Jahren

Es sollte fast ein Jahrhundert nach der Belagerung dauern, bis die al-Saud-Familie Diriyya von den Türken zurückerobern konnte. Als neue Hauptstadt wurde dennoch Riad auserkoren. Nachdem sich anfänglich lediglich Beduinen in Diriyya niederließen, entschloss sich die saudische Regierung erst in den späten 1970er-Jahren für den Neuaufbau der Stadt. Das "moderne Diriyya" liegt knapp zwei Kilometer nordöstlich der Oase, an der der Ort einst begründet wurde.

Laut einer Volkszählung aus dem Jahr 2004 leben inzwischen wieder 33.213 Menschen in Diriyya, einem klassischen Großstadt-Vorort mit Moscheen, Stadtverwaltungen, Supermärkten, Restaurants und einem Anschluss an die Stadtautobahn von Riad. Die wilde Geschichte der einstigen Saud-Hauptstadt ist vielen Saudis zwar bekannt. Doch in den Gassen von Diriyya, in denen die Formel E am 15. Dezember in ihre Saison 2018/19 startet, ist davon nur noch wenig zu spüren.

Foto: FIA Formula E

Trailer: Die Formel E in Saudi-Arabien

von Tobias Bluhm  

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