Ellen-Lohr-Interview-Formel-E

Ellen Lohr im Exklusiv-Interview: "Villeneuve ist ein Megatalent"

Die ehemalige DTM-Fahrerin Ellen Lohr schrieb vor 23 Jahren Motorsportgeschichte, als sie im Mercedes 190E 2.5-16 Evo2 als erste und einzige weibliche Pilotin ein DTM-Rennen am Hockenheimring gewann. Lohr ist im Motorsport immer noch aktiv, fährt leidenschaftlich Offroad-Racing und gilt in der Truck-Rennsportszene als feste Größe. Ferner ist sie Markenbotschafterin für Mercedes Benz. Inzwischen lebt die 50-jährige Mönchengladbacherin in Monte Carlo, wo sie die Europapremiere der Formel E im Mai quasi vor der Haustür mitverfolgte. Wir hatten die Gelegenheit, uns exklusiv mit ihr zu unterhalten.

Frau Lohr, welchen Eindruck haben Sie von der Formel E?

"Als Rennfahrerin erwachen in meiner Brust zwei Gefühle. Ich habe den ePrix in Monaco live erlebt. Das Racing ist top. Die Formel E bietet großartigen Rennsport, keine Frage. Es gefällt mir, neue Strecken und neue Stadtkurse auszuprobieren. Was mir in Monaco allerdings missfallen hat, ist, dass ich die Formel-E-Autos fast nicht gehört habe. Der Sound fehlt. Dieses Manko haben die Veranstalter permanent mit einer Disco-Musik zu kompensieren versucht, das hat überhaupt nicht zusammengepasst. Ich weiß nicht, ob es auf anderen Stadtkursen genauso abläuft."

Sie sind eine der wenigen wirklich erfolgreichen Rennfahrerinnen. Mit Simona de Silvestro fährt eine Pilotin in der Formel E - zurecht?

"Wenn Frauen gut genug sind, gehören sie dorthin. Ich glaube, dass de Silvestro sich in der Formel E gut schlagen wird. Den FanBoost hat sie von mir zuletzt bekommen. Ich freue mich sehr, dass sie ein Cockpit in der Formel E ergattern konnte. Das ist nicht sehr einfach, denn es sind wirklich große Namen in der Formel E unterwegs."

Die Formel E gilt als die grüne Seite des Motorsports. Ist es damit die Zukunft des Motorsports?

"Das ist eine sehr schwierige Frage. Man sieht schon, die Formel E ist eine Serie, die unheimlich schnell wächst. Sie erweckt großes Interesse seitens der Industrie und der Hersteller. Das ist sehr positiv, denn das braucht eine neue Serie, um zu gedeihen. Ich wage es aber zu bezweifeln, dass die Formel E den klassischen Verbrennungsmotor ersetzt. An der einen oder anderen Stelle fehlt noch das gewisse Etwas. Ich finde es gut, dass es diese neue Serie gibt. Ein positiver Aspekt, dass sich der Motorsport auf diesem neuen Feld versucht. Aber in den anderen Motorsportserien wird es auch zunehmend grüner, wo es exemplarisch neue, emissionsfreie Motoren gibt. Grünen Motorsport würde ich nicht nur der Formel E anheften."

Wie gefallen Ihnen das Rennformat der Formel E, der FanBoost und die Stadtrennen?

"Das ist eine tolle Sache. Hut ab. Mir gefällt es sehr, dass die Formel E auf Stadtkursen fährt. Das geht in vielen anderen Rennserien wirklich ab. Es sind immer spannende Rennen. Die Strecken sind nicht perfekt, sie sind holprig, das Auto springt öfters mal weg. Genau das will man als Fan sehen. Das Einbinden der Fans mit dem FanBoost ist großartig, die Marketingseite der Formel E macht alles richtig."

Würde Sie die Formel E reizen?

"Ich fahre die Truck-EM, die Autos wiegen fünf Tonnen und leisten 1.200 PS. Wir fahren vier Rennen am Wochenende, es ist ein anderes Racing. Ich glaube nicht, dass ich gut genug wäre, in den Formelsport zurückzukehren. Ich fokussiere mich voll und ganz auf das Truck-Racing. Ich besitze einen sehr großen Erfahrungsschatz im Truckfahren, den ich in nächster Zeit in gute Ergebnisse umsetzen möchte. Ich will 2016 unbedingt Podestplätze erzielen."

Jacques Villeneuve ist mit 44 Jahren in die Formel E eingestiegen. Kann der ehemalige Formel-1-Weltmeister mit den Jungspunden mithalten?

"Ich bin voll überzeugt davon. Es ist eine reine Kopfsache. Wenn ein Pilot wirklich Lust darauf hat und weiter Benzin im Blut hat, dann kann es klappen. Und das verschwindet ja nicht von heute auf morgen. Villeneuve ist ein Megatalent. Ich glaube, er hat noch sehr viele Fans und ist ein weiteres Plus für die Serie."

Welcher Pilot oder welche Pilotin ist Ihr Favorit für die zweite Saison?

"Natürlich Simona de Silvestro. Ich finde es klasse, dass sie den Weg in die Formel E gefunden hat."

von Erich Hirsch 

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