Karun Chandhok und das Mahindra Team

Im Portrait: Mahindra's Karun Chandhok

Wenn man im brütend heissen Klima Südasiens aufwächst, ist die Karriere eines Rennfahrers nicht die augenscheinlichste Möglichkeit, ganz sicher aber keine traditionelle. Cricket steht in Indien unangefochten an erster Stelle.
Ein Ball und ein Schläger verglichen mit den Kosten eines neuen 125ccm Motors und einem Satz neuer Reifen. Eine leichte Entscheidung oder? Nicht für Karun Chandhok.

Der Familienname Chandhok hat tiefe Wurzeln im Motorsport. Mit zwei Generationen ehemaliger Rennfahrer vor ihm, war es keine Überraschung, dass Karun in ihre Fußstapfen trat. Sein Vater Vicky ist ehemaliger Indian Rally Champion und amtierender Vize-Päsident der indischen Motorsport Club Förderation (FMSCI).

Chandhok erinnnert sich an seine Kindheit, umgeben vom Motorsport: "Ich habe seit meinem 3. Lebensmonat Rennwagen gesehen, weil mein Vater sie fuhr. Mein Kindheits-Held war jedoch Alain Prost. Das war etwas ungewöhnlich, da die meisten Leute damals für Ayrton Senna gewesen sind. Seit ich zwei war, habe ich die Rennen meines Vaters gesehen. Als alle anderen Kinder Mickey Mouse und Donald Duck im Fernsehen sahen, sah ich mir Formel 1 Videos an. Zu meinem 6. Geburtstag schenkte mir mein Vater ein Go-Kart und das war der Startschuss für meine Karriere."

Der Weg zur Formel 1 war für Karun nicht einfach. Aus Indien zu stammen, bedeutete in gewisser Weise auch, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Seinen Träumen nachzujagen und den Gipfel des Motorsports zu erreichen, hieß auch, seine Freunde und Familie zu verlassen und nach Europa zu gehen. Der konventionelle Weg über die Rennklassen nach oben ist lang und beschwerlich.

Anerkennung ist alles im Motorsport und die prestigeträchtigsten Meisterschaften kommen aus Großbritannien und Nordirland. Für angehende ausländische Fahrer kann das ein Kulturschock sein. Aber es ist auch eine Veränderung, die sie aushalten müssen um die Karriereleiter zu erklimmen.
Der Anstieg der Konkurrenz, im Vergleich zu den anderen Serien, brachte den jungen Inder mit beiden Füßen wieder auf den Boden zurück.
"Zur Formel 3 zu kommen, war nicht nur ein großer Schritt für mich, sondern auch ein großer Schock. Du bist ein 18-jähriger, der ein leichtes Leben lebt und alles in Asien gewinnt. Du denkst, Du bist der King. Und Du kommst in Europa an und realisiert, dass der Wettkampf extrem hart ist."

Nicht nur die Konkurrenz war eine Stufe über ihm, auch die Vorraussetzungen und das umbarmherzige Wetter spielten eine Rolle. Chandhok erklärt: "Ich musste erst lernen in den nassen und frostigen Verhältnissen zu fahren. Wenn Du in Asien fährst, kommst Du aus der Box und die Reifen sind ab Kurve 4 auf Betriebstemperatur. In Snetterton an einem kalten Wintertag hingegegen, ist das unmöglich. Es war wie eine Uni für Rennfahrer zu besuchen, ich habe eine Menge über mich selbst gelernt."

Nach den Exkursionen in die Formel 3, die Formula Renault und A1GP, kehrte Chandhok schließlich in heimischere Gefilde zur Formula Asia V6 Championship zurück. Es schien, dass Karuns Karriere an einem Scheideweg stand und dass das seine letzte Chance war, sie zurück auf die Straße zu bringen.
Doch hier gewann er den Titel mit sieben Siegen und neun Pole Positions, gefolgt von einem Sponsorenvertrag mit dem Engergy Drink Unternehmen "Red Bull". Nachdem er das erste Mal nach seinem Sieg in der Formula 2000 Asia - fünf Jahre zuvor - wieder Erfolg hatte, ergriff er die Chance in der GP2 zu fahren, der "Anleger-Serie" für die Formel 1 und die perfekte Plattform um potenziellen Teams sein Talent zu zeigen.

Trotz seines finanziellen Backgrounds und dem großen Selbstvertrauen, zögerte Chandhok und hinterfragte den Wert der GP2. Er sagte: "Bevor ich dort hinkam, dachte ich, es ist nur ein PR-Ding, eine kleine unterstützende Rolle für die Formel 1. Dann wurde mir bewusst, dass ich nach dem Rennen ins Fahrerlager gehen konnte und die Aufmerksamkeit dort war erstaunlich. Das ist der Wert der GP2 und den darf man nicht unterschätzen."

Im Jahr 2010 kamen drei neue Teams zur Formel 1 - Virgin Racing, Lotus und Hispania - ermöglicht durch die neu eingeführte Budget-Obergrenze der Serie. Verständlicherweise konnte Chandhok der Formel 1 nicht widerstehen und unterschrieb bei Hispania.
"Ich ergriff die Chance in der Formel 1 zu fahren. Ich denke, ich habe auch im Vergleich mit meinem Teamkollegen gute Leistungen abgeliefert und nicht viele Leute können von sich behaupten, ein Formel 1 Pilot gewesen zu sein."

Die Herangehensweise und Geisteshaltung variiert hier dramatisch und Chandhok ließ sich von den Fähigkeiten seiner Kindheits-Helden inspirieren. Der 30-jährige sagte:"Ich mag die Philosophie von Leuten wie Prost und Sir Jackie Stewart, so langsam wie möglich das Rennen zu gewinnen - was bedeutet, weniger aus dem Auto heraus zu holen. Sie lassen das Auto die Arbeit machen und investieren die Zeit vor dem Rennen um den Wagen gut aufzustellen und damit die Punkte zu holen. Das Rennen hat die Priorität und sie müssen sich nicht jedes Mal für die Pole qualifizieren - was sich als sehr gute Taktik heraus gestellt hat."

Seit bekannt wurde, dass Mahindra in der Formel E mitfährt, schien es unabwendbar, dass sie einen indischen Fahrer unter Vertrag nehmen. Chandhok ist als Teamkollege seines Freundes Bruno Senna für die kommenende 2014/2015 Saison offiziell bestätigt.
Auf die Frage nach seinen Eindrücken über das Formel E Auto nach den ersten Tests, glaubt Chandhok, dass das Fehlen des Sounds die Fahrer mehr beeinflussen wird als die Fans.
"Es ist auf vielen Ebenen etwas anderes. Was zuerst auffällt, ist der fehlende Sound, was weniger Gespür für den Wagen mit sich bringt. Wenn man mit einem normalen Verbrennungsmotor unterwegs ist, hört man das Durchdrehen der Räder, das Ansteigen der Umdrehungen und das Umschalten der Gänge. Mit dem Formel E Wagen fehlt das und nach dem zweiten Gang hörst Du nichts außer dem Wind. Von außen erscheinen die Autos lauter, aber wenn Du fährst, bleibt davon wenig. Das ist merkwürdig und ein bisschen so, als spielte man ein Videospiel auf Stummschaltung."

Die Garage mit einem alten Vertrauten zu teilen, hält Chandhok indes für einen Vorteil, der sich bei diesem neuen Format auszahlen wird. "Ich denke, bei dieser Meisterschaft muss man auf Erfahrung setzen, das ist kein Wettkampf 19-jährige Teufelskerle."

Die Formel E findet in Stadtzentren und an je einem einzigen Tag statt. Das wird von den Fahrern viel Konzentration fordern. Auf die Frage nach seinen Ambitionen und Zielen für die kommende Saison, antwortete Chandhok: "Man kann weder die Zuverlässigkeit noch Pech prognostizieren, aber wir haben alle das gleiche Auto und Equipment. Ich wäre enttäuscht, wenn wir nicht vorne dabei wären und unser Ziel ist unter den ersten drei Teams zu sein."

 

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