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Kommentar: Keine Regelungswut wie in der Formel 1

Vorab: Die beiden ersten Rennen der neuen Formel-E-Saison boten Motorsport vom Feinsten – speziell am Samstag, etwas weniger am Sonntag, wo es bis auf den Dreher von Felix Rosenqvist gleich nach dem Start und die Pirouette des scheinbar sicheren Siegers Edo Mortara zwischendurch auch mal Leerlauf gab.

Das Datum der Rennen lag auch ideal – genau eine Woche nach dem (gähnend langweiligen) Formel-1-Finale in Abu Dhabi. Ich habe den Eindruck, dass ungeachtet der weiter eisernen Anti-Formel-E-Front – sie tobt sich regelmäßig und vor Abscheu triefend in Leserbriefen der 'Motorsport Aktuell' aus – sich eine größere Zahl von bislang noch eher wankelmütigen Fans erstmals mit der Formel E beschäftigt. Es mag am immer stärkeren Engagement der Deutschen liegen oder schlicht an der Tatsache, dass ansonsten die Saure-Gurken-Zeit beginnen würde, aber egal.

Immerhin war der Saisonauftakt der 'auto motor und sport' ein 24-seitiges Supplement wert – sehr gut zusammengeschrieben von Claus Mühlberger, unter anderem mit einem sehr tiefschürfenden Interview mit Lucas di Grassi. Auf Facebook schrieb ein User sinngemäß: "Habe bislang noch nicht Formel E geguckt, aber mein Bedürfnis nach Formelsport im TV ist so groß, also schalte ich mal ein..."

Solche Leute könnte man jetzt für die gute Sache gewinnen, doch nun das. Über den Ausfall der Startampel beim zweiten Lauf und die Funklöcher am Samstag, welche die Fahrer von ihren Boxencrews abschnitten, und auch die fehlenden Einblendungen der Restbatteriekapazitäten mag man noch hinwegsehen. Doch die nachträgliche Disqualifikation von Daniel Abt hinterließ nicht nur bei mir, sondern – schaut man auf Facebook – auch bei alten und den erwähnten potenziell neuen Fans einen schalen Beigeschmack.

Es kann zwar keine zwei Meinungen geben, dass Audi Sport ABT Schaeffler unprofessionell gehandelt hat. Böse Absicht zu unterstellen, ginge aber sicher zu weit, denn es handelt sich um Gleichteile. Aber Regeln sind halt mal dazu da, eingehalten zu werden. Nur: Daniel Abt schöpfte aus vertauschten Barcodes sicher keinen Wettbewerbsvorteil. Daher hätte ihn die FIA als Sieger belassen, und nur das Team für seinen Lapsus bestrafen sollen. Punkte in der Teamwertung streichen und dazu von mir aus noch eine Geldstrafe.

Dabei war diese Disqualifikation nur der Höhepunkt einer Serie von Strafen. Da verlor Maro Engel schon am Samstag seinen wohlverdienten vierten Platz, weil er kurzfristig zu viel Power aus seinem E-Antrieb abgezapft hatte – Strafversetzung auf P14. Das Gleiche passierte Mitch Evans im Top-5-Shoot-out am Sonntag – von P2 zurück auf P4. Frage: Warum gibt es bei den E-Antrieben keine Art "Drehzahlbegrenzer", der ein "Überdrehen" des Antriebs von vornherein verhindern würde? Und dann noch Sam Bird, der am Samstag eine Klasse für sich war: Er nahm am Sonntag auch an der Super-Pole teil, wurde aber danach wegen eines Vergehens vom Vortag um zehn Plätze zwangsversetzt.

Natürlich waren die Strafen kraft Regelwerk der Formel E in Ordnung, wobei im Fall Bird vielleicht zu hart. Aber worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Die Formel E sollte sich hüten, den Fehler der Formel 1 zu wiederholen. Zwar wird im Reich des Alejandro Agag noch niemand 105 Startplätze nach hinten versetzt – wie der arme Fernando Alonso. Doch die Formel 1 lähmt sich durch einen immer aufgeblaseneren Strafenkatalog immer mehr selbst, dazu kommen zig verschiedene Reifenmischungen, im Jahr 2018 noch um zwei neue erweitert. Folge: Es blickt kaum noch einer durch.

Auch wenn die Formel E noch weit von solchen Zuständen entfernt ist - in Hongkong wurde für meinen Geschmack (erstmals) zu viel bestraft und reglementiert. Wenn der TV-Zuschauer erst einmal das Gefühl bekommt, dass ein Zieleinlauf erst einmal nur provisorisch ist - was in den sozialen Netzwerken nur allzu deutlich wurde -, verliert ein Autorennen an Attraktivität. Wie gerade auch der Fußball, der durch den Videobeweis auch einen Teil seiner Unschuld verliert – schließlich gehört es doch eigentlich zu jedem Fußballspiel dazu, sich zumindest einmal im Spiel so richtig über den Schiedsrichter aufregen zu dürfen.

Klar, im Motorsport wurde schon immer getrickst und mitunter auch betrogen. Auch in der DTM, auch von Audi, im Übrigen auch in der Großserie, man denke nur an den 3,0 Liter TDI, den die Herren der Ringe unverfroren sogar noch eine Zeitlang an Porsche lieferten. Daher müssen die technischen Kommissare ihre Arbeit gewissenhaft machen. Aber das zu schnelle Zücken von gelben, gelb-roten oder gar roten Karten durch die Rennleitung sollte unterbleiben. Also, liebe Formel E: Schaut zu, dass die Startampel beim nächsten Mal wieder funktioniert und hütet euch vor einem zu kleinteiligen und paragraphenreichen Sündenregister. Die Fans werden es euch danken. Und ihr euch am Ende auch.

Die Highlights des Sonntagsrennens

von Thomas Imhof 

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