Kommentar: Neuer Formel-E-Kalender ein "Verrat an den eigenen Prinzipien"

Obwohl Mitte Juni der provisorische Rennkalender für die sechste Formel-E-Saison beschlossen und vorgestellt wurde, steht weiterhin ein Fragezeichen hinter einigen Terminen. Obwohl der Schweizer E-Prix im Kalender fehlte, war eine Rückkehr der Elektrorennserie nach Zürich zunächst noch im Bereich des Möglichen. Nach der Absage durch den Zürcher Stadtrat hofft nun noch Sankt Moritz, den Swiss E-Prix 2020 auszutragen. Zudem gibt es weiterhin zwei Termine, die noch ohne Austragungsort dastehen.

Allerdings scheint wieder Bewegung in den Kalender zu kommen. Einem Bericht von 'e-racing365' zufolge erwägt die Formel E, die Terminkollisionen mit der Langstrecken-Weltmeisterschaft, über die sogar FIA-Präsident Jean Todt sauer ist, durch Verschiebungen der infrage kommenden E-Prix aus dem Weg zu gehen. Todt und FIA-Motorsport-Generalsekretär Peter Bayer trafen sich vergangene Woche beim Großen Preis von Frankreich mit dem CEO der WEC, Gerard Neveu, und Formel-E-Chef Alejandro Agag, um Gespräche zu diesem Thema zu führen.

Eine recht überraschende Wendung, nachdem sich der stellvertretende Formel-E-CEO, Alberto Longo, erst vor wenigen Tagen bei den Kollegen von 'Autosport' vollkommen gegenteilig äußerte: "Wir werden nichts verschieben, das steht fest", wird der Spanier dort zitiert. "Der Kalender ist bereits bekanntgegeben, und so ist es nun. Wenn sie es nicht verschieben können, kollidieren wir."

Hintergrund der Diskussionen ist die Tatsache, dass in der WEC auch viele Formel-E-Fahrer an den Start gehen und sich bei Terminkollisionen für eine Serie entscheiden müssen - sofern die Fahrerverträge ihnen überhaupt eine Wahl lassen. Unter anderem verpasste Sebastien Buemi den New York City E-Prix 2017, da ihn sein Toyota-Werksvertrag gleichzeitig zur Teilnahme am WEC-Rennen auf dem Nürburgring zwang. Buemi unterlag am Saisonende im Kampf um den Fahrertitel in der Formel E seinem Konkurrenten Lucas di Grassi.

Analyse und Kommentar zum Rennkalender von Tobias Wirtz

Ich möchte mich an dieser Stelle einmal etwas intensiver mit dem Rennkalender der Formel E für die kommende Saison 2019/20 beschäftigen. Es geht mir nicht um die schon fast haarsträubenden Entwicklungen der letzten Tage rund um einen E-Prix in der Schweiz oder um Terminkollisionen mit der WEC. Es geht viel mehr darum, dass die Formel E mit der Veröffentlichung dieses Kalenders in meinen Augen ihre alten Prinzipien und Werte zum Teil über Bord wirft und nun mit Füßen tritt.

Warum das? Der Rennkalender war in der Vergangenheit der Rennserie mit Blick auf die Logistik stets "optimiert". Er war so angelegt, dass die Transportwege von Fahrzeugen und Equipment zwischen den Rennen möglichst kurz waren und auf der Straße, der Schiene oder mit dem Schiff zurückgelegt werden konnten. Nur in Ausnahmefällen sollte ein Transport mit Flugzeugen geschehen.

Kurzer Hinweis: Ich habe zur Berechnung der Entfernungen für den noch offenen E-Prix in China erneut ein Rennen in Sanya auf der Insel Hainan herangezogen. Den Renntermin im Dezember habe ich nicht berücksichtigt. Die angegebenen Distanzen sind jeweils auf volle zehn Kilometer gerundet. Die in diesem Artikel verwendeten Grafiken stammen von luftlinie.org (via Open Street Map).

Im Laufe der Saison 2019/20 werden Rennwagen und Equipment zwischen dem Auftakt im saudi-arabischen Diriyya und dem Finale in London mehr als 74.000 km zurücklegen - und zwar nur Luftlinie von E-Prix zu E-Prix. Das entspricht fast zwei Erdumrundungen zu je 40.070 km am Äquator. Da sich das Equipment wohl kaum immer exakt der Luftlinie entlang transportieren lässt, gehe ich sogar davon aus, dass in der Praxis mehr als zwei Erdumrundungen zurückgelegt werden.

Die Transportwege habe ich hier einmal in einer Grafik visualisiert:So werden Fahrzeuge und Material nach dem aktuellen Entwurf des Rennkalenders um den Globus transportiert

Dass bei einer internationalen Rennserie, die auf vier verschiedenen Kontinenten fährt (Asien, Europa, Nordamerika, Südamerika) auch schon einmal größere Distanzen zurückzulegen sind, ist natürlich unvermeidlich. Aber sehen wir uns doch nur einmal das jeweilige Ende der Rennkalender 2018/19 und 2019/20 im Detail an (die kursiv geschriebenen Orte liegen außerhalb von Europa).

2018/19

  • Rom (Anreise: 9.230 km aus Sanya)
  • Paris (Anreise: 1.100 km)
  • Monaco (Anreise: 690 km)
  • Berlin (Anreise: 1.070 km)
  • Bern (Anreise: 750 km)
  • New York City (Anreise: 6.270 km)

Die Formel E legt also in Summe 3.610 km zwischen den fünf Europa-Rennen zurück, bevor sie dann nach New York City abreist. Inklusive Anreise aus Sanya und Abreise nach New York City beträgt die Gesamtdistanz 19.110 km. Das ist nicht wenig, aber diese beiden Städte liegen alleine ja auch schon 13.450 km auseinander. Von daher ist der "Umweg" in Europa noch überschaubar.

2019/20

  • Rom (Anreise: 9.230 km aus Sanya)
  • Paris (Anreise: 1.100 km)
  • Seoul (Anreise: 8.970 km)
  • Berlin (Anreise: 8.130 km)
  • New York City (Anreise: 6.380 km)
  • London (Anreise: 5.570 km)

Kommende Saison hat die Formel E nur vier Europa-Rennen, legt aber dazwischen mit 30.150 km ein Vielfaches der Entfernung aus dieser Saison zurück. Der Grund: Diese vier Europa-Rennen werden von jeweils einem Rennen in Asien und in Nordamerika unterbrochen, es geht dazwischen aber immer wieder zurück nach Europa. Inklusive der Anreise aus Sanya beträgt die Gesamtdistanz hier sogar 39.380 km - also mehr als die doppelte Distanz der aktuellen Saison.

Auch wenn dieser Rennkalender dem Vernehmen nach nur deshalb so zustande kam, weil der Mai-Termin der einzig mögliche Termin für Seoul ist: Eine Rennserie, die sich derart die Themen Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit auf die eigenen Fahnen geschrieben hat, muss das einfach anders handhaben. Dass es theoretisch auch anders gehen würde, möchte ich hier gerne zeigen.

Natürlich muss ich zugeben, dass dies nur beispielhafte Berechnungen sind, die so möglicherweise auch wegen der Jahreszeiten auf Nord- und Südhalbkugel nicht umsetzbar sind. Aber sie geben einen Eindruck, in welcher Größenordnung sich eine Optimierung abspielen könnte.

Wie viel Einsparpotenzial hätte die Formel E tatsächlich?

Selbst wenn ich davon ausgehe, dass die Saison in Diriyya beginnen und in London enden soll, habe ich bei der Verwendung der identischen Städte ein mögliches Einsparpotenzial von etwas mehr als 27.800 km an Transportwegen ermittelt. Dies entspräche 37,22 Prozent weniger als im tatsächlichen Rennkalender. Von Diriyya aus würde die Serie in diesem Fall zuerst nach Asien reisen, von wo aus es dann über Süd- und Nordamerika nach Europa ginge.

Transportwege-optimierte Reiseroute bei Saisonstart in Diriyya und Saisonende in London

Noch deutlich mehr wird es, wenn Saisonauftakt und -abschluss völlig offen wären: Hier läge das Einsparpotenzial meinen Berechnungen zufolge sogar bei rund 44.000 km oder umgerechnet 58,70 Prozent. Süd- und Nordamerika würden den Anfang machen, bevor es über Europa nach Asien ginge.

Optimale Reiseroute zwischen allen vorgesehenen Austragungsorten mit maximaler Einsparung

Ich denke, dass dies ein wenig verdeutlicht, warum ich den vorgestellten Rennkalender für die kommende Formel-E-Saison durchaus kritisch sehe. Die Formel E sollte darauf achten, dass sie das, was sie sich in den letzten Jahren erarbeitet hat, durch den Verrat an ihren eigenen Prinzipien nicht wieder zerstört - besonders im Hinblick auf ihr "grünes" Image. Das wäre äußerst schade.

von Tobias Wirtz  

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Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Andrea |

Es lebe der Klimaschutz

Kommentar von Andrea |

Ein Hoch auf das Klima.

Kommentar von Rainer |

Das sehe ich auch kritisch.
Mit dem immer größer werdenden Interesse seitens der Hersteller wird der Druck wohl immer höher und Prinzipien werden Überbord geworfen.
Hauptsache ein Rennen wird ausgetragen damit die Werbeeinnahmen fließen.
Sorry Seoul aber man sollte zumindest dieses Rennen streichen wenn es nicht verlegt werden kann.

Kommentar von MB |

Mit Umweltschutz bzw. Kliimaschutz hatte und hat die Formel E nix tun.

Im Gegenteil:

Hat sich Jemand mal Gedanken gemacht, wieviele Tieflader alleine benötigt werden um auch nur eine Stadt zur Rennstrecke umzufunktionieren. Und diese Tieflader, Baumaschinen... fahren mit Diesel ohne Filter. In Europa wollte man ja mal Baumaschinen Abgasfilter verpassen, man ist aber kläglich an den Lobbisten dieser Branche gescheitert.

Mich würde mal interessieren wie diese tausende von Tonnen Material der Formel E von Kontinent zu Kontinent transportiert werden.

Flugzeug ist für die Umwelt eh der Supergau.

Und die Schiffe (95% aller Schiffe) fahren mit Schweröl was massiv Feinstaub verursacht.

Lasst euch bitte nicht von den Politikern blenden, wenn sie in den Häfen versprechen Landstromanlagen bauen zu wollen. In Hamburg gibt es bis jetzt nur eine Testanlage und auch nur ein einziges Schiff, was die Anlage nutzt.

Das macht die Aida Reederei aus Marketing Gründen. Landstrom ist einfach zu teuer, so die Reedereien....

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