Montreal-Starting-Lights

Korruptionsvorwürfe! Formel-E-Finale 2018 in Montreal unsicher

Das Montreal-Dossier der Formel E wird immer dicker. Nachdem wir schon in den vergangenen Tagen und Wochen über offenbar verschwendete Steuergelder, verschenkte Eintrittskarten, unzufriedene Ladenbesitzer und ein politisches Versteckspiel in Montreal berichteten, tauchen nun auch Korruptionsvorwürfe gegen den Veranstalter des Rennens auf. Ein Machtwechsel in der Metropole könnte das Formel-E-Finale 2018 in Kanada indes zum Wackeln bringen. Ein Lagebericht.

In Montreal liegen die Nerven blank. Wie üblich ist es auch in der Quebecer Metropole in den Tagen vor und nach einer Wahl, wie jener Kommunalwahl am Wochenende, ungewohnt hektisch. Auf dem Schlachtfeld der Lokalpolitik werden zahllose Wahlkämpfe zur gleichen Zeit ausgetragen, schließlich geht es um die Zukunft von rund 1,7 Millionen Menschen. Dass aber ausgerechnet die Formel E in dieser kritischen Phase zum Wahlkampfthema aufsteigt, wäre zu Beginn des Jahres wohl undenkbar gewesen.

Die Kontroverse um das Formel-E-Saisonfinale 2017 hält sich, auch wenn europäische Fans nur wenig davon mitbekommen, seit mehreren Wochen in den kanadischen Medien. Das Elektro-Event sollte im Rahmen der 375-Jahr-Feier Montreals eigentlich das Highlight der Feierlichkeiten bilden. Auch für den ehemaligen Bürgermeister Denis Coderre, der mit Formel-E-Geschäftsführer Alejandro Agag prompt einen Drei-Jahres-Vertrag aushandelte, sollte das Rennen zum Aushängeschild seiner Politik werden - letztendlich beging der 54-Jährige mit dem ePrix jedoch politischen Selbstmord.

Ein Satz mit X…

Das junge Konzept der Formel E spielte dabei eine denkbar kleine Rolle. Schließlich waren über 92 Prozent der Besucher überaus zufrieden mit dem Event. Vielmehr war es Coderres Administration, die dem Elektro-Spektakel in Kanada vorerst den Garaus gemacht haben könnte. Verantwortlich für die unübersichtliche Situation in Montreal ist unter anderem der häufig kritisierte Formel-E-Finanzierungsplan, bei dem die Stadt alle Kosten (immerhin 16,5 Millionen Euro) für den ePrix übernimmt, obwohl üblicherweise die Serie selbst für die Ausgaben für Absperrungen, Straßenarbeiten und Ähnliches aufkommt. Die Steuerzahler sind - verständlicherweise - erbost.

Durch fehlende Werbung blieben am Ende außerdem die Fans an der Strecke aus: Nur durch die größtenteils kostenlose Weitergabe der Karten an Sponsoren und Partner füllten sich die Tribünen am Straßenkurs. Aktuelle Zahlen von 'TVA Nouvelles' zeigen: Gerade einmal 5.000 Tickets (!) wurden tatsächlich verkauft, über 40.000 Fans kamen durch Freikarten zum ePrix. Bis zuletzt wurde noch davon ausgegangen, dass "nur" 20.000 Zuschauer kostenlos an die Strecke kamen.

Korruptionsvorwürfe gegen den Veranstalter

Zu den Beschwerden der anliegenden Ladenbesitzer, die über mehrere Tage herbe Verluste einstecken mussten (wir berichteten), gesellten sich am Wochenende außerdem erstmals Korruptionsvorwürfe gegen den Veranstalter "Montreal, c'est electrique" (MCE). MCE soll, so 'TVA Nouvelles', die Stelle des Eventpromoters nicht ausgeschrieben, sondern das Unternehmen evenko ohne Weiteres mit dem Rennen beauftragt haben.

Pikant: Der Vorsitzende von MCE, Sylvain Vincent, ist seit Juli 2016, drei Monate bevor der Formel-E-Vertrag zwischen MCE und evenko unterzeichnet wurde, Teil des evenko-Führungsstabs. Zuvor hat Vincent über 37 Jahre lang bei einer Kunststiftung gearbeitet - "ein Zufall", wie er es beschreibt.

Trotzdem erkennt der Kanadier die Kontroverse: "Ich habe evenko selbstverständlich über meine Position bei MCE informiert, mir wurde aber gesagt, dass es kein Problem gebe. Schließlich arbeitet evenko seit über zwei Jahren mit dem Bürgermeisterbüro zusammen." Schon bevor Vincent zu evenko wechselte, habe es Pläne zu einer Partnerschaft mit MCE gegeben, von der er aber offenbar nichts wusste. "Als ich die Firma wechselte, war bereits alles in trockenen Tüchern. Es fehlte eigentlich nur noch die Unterschrift", so Vincent. Die Vergabe an den Promoter wirft trotzdem viele Fragen auf.

Neue Bürgermeisterin will Formel-E-Rennen verlegen

Inzwischen hat Denis Coderre, unter anderem durch den Trubel der Formel-E-Berichterstattung, sein Amt als Bürgermeister ablegen müssen. Bei einer Kommunalwahl am Wochenende unterlag Coderre (46,5 Prozent) deutlich seiner Konkurrentin Valerie Plante (51,5 Prozent), die ab sofort das Gesicht der Montrealer Lokalpolitik sein wird. Plante gilt jedoch, anders als Coderre, als ausgesprochene Gegnerin des Formel-E-Rennens in der Montrealer Innenstadt.

"Die Anwohner sind alle unzufrieden mit der Formel E. Wir könnten über 6,7 Millionen Euro sparen, wenn wir das Event einfach auf die Ile-Sainte-Helene verlegen", erklärt Plante. Die rund drei Kilometer lange Insel liegt in unmittelbarer Nähe zur Ile Notre-Dame, wo die Formel 1 alljährlich den Großen Preis von Kanada austrägt.

Dass Plante ihre Formel-E-Pläne bis zum Juli 2018 tatsächlich umsetzen kann, ist allerdings schon aus logistischen Gründen eher unwahrscheinlich. Schon im letzten Jahr dauerte es über 14 Monate, bis das Rennen realisiert werden konnte. Gerüchteweise könnte die Formel E ihre Saison 2017/18 schon nach Meisterschaftslauf zwölf in New York beenden - so, wie es schon in der abgelaufenen dritten Saison geplant war. Wer hätte gedacht, dass der Formel-E-Lauf an der Montrealer Universität vielleicht das erste Opfer auf dem lokalpolitischen Schlachtfeld in Montreal werden könnte?

Die Highlights des Formel-E-Finales in Montreal 2017

von Tobias Bluhm  

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