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Lucas di Grassi: Netto-Null-Pläne der Formel 1 "nur eine Maskerade"

In nur zehn Jahren will die Formel 1, so kündigten es die Verantwortlichen der "Königsklasse" vor wenigen Monaten an, vollständig klimaneutral sein. Dass das Netto-Null-Ziel bis 2030 sehr ambitioniert scheint, findet auch Formel-E-Fahrer Lucas di Grassi. Im Interview mit 'e-Formel.de' fordert der Brasilianer ein "fundamentales Umdenken", bekennt sich jedoch auch als Gegner einer vollständigen Elektrifizierung des Motorsports.

Man könne zwar, so wie es die Formel 1 plant, Emissionen von Treibhausgasen mit Klimakompensationen ausgleichen. Dennoch kämen auch Aufforstungsprojekte schnell an ihre Grenzen: "Man kann nicht einfach alles ausgleichen", erläutert di Grassi im Exklusiv-Interview mit 'e-Formel.de'. Es gebe für die Formel 1 keine simple Lösung. "Sie können einerseits nicht so weitermachen wie bisher, weil in zehn Jahren kein Hersteller mehr die Motoren-Technologie verbauen möchte, die derzeit in der Formel 1 eingesetzt wird. Aber sie können auch nicht auf elektrische Antriebe setzen."

Ein Wechsel zu batterieelektrischen Fahrzeugen ist für die Formel 1 zumindest bis 2039 nicht möglich. Schließlich verfügt die Formel E bis dahin über eine Exklusiv-Lizenz der FIA, nach der sie die einzige Formelserie mit Elektrofahrzeugen bleiben kann. Eine Elektrifizierung der Formel 1 wäre somit nur über eine Ausnahmeregelung und mit der ausdrücklichen Zustimmung der Formel E möglich.

"Die Formel 1 wird sagen: 'Schaut uns an, wir sind Grün, weil wir Bäume pflanzen.' Das ist aber nicht wirklich effektiv, weil ihre hauptsächlichen Emissionen aus dem Flugverkehr kommen", weiß di Grassi. In der Tat macht die Logistik in der Formel 1 derzeit einen Anteil von 45 Prozent aller Emissionen aus. Gemeinsam mit Geschäftsreisen (28 %), dem Veranstaltungsbetrieb (7 %), den Werken der Teams (19 %) und den Antriebssträngen (1 %) verursacht die Formel 1 jährlich 256.550 Tonnen CO2-äquivalente Treibhausgase.

Di Grassi fordert Reduktion als ersten Schritt

Di Grassi fordert daher: "Der richtige Ansatz für die Formel 1 wäre es, die Anzahl der Reifen zu reduzieren, das Teampersonal zu verkleinern und sicherzustellen, dass die Autos nachhaltiger gebaut werden. Natürlich sagt Mercedes schon jetzt: 'Unsere Motoren sind fünf Prozent effizienter, wir sind jetzt bei 50 Prozent.' Klar, aber diese Entwicklung hat auch zwei Millionen Euro gekostet. Außerdem weiß ich nicht, wie man mit zwei ERS-Systemen Relevanz für die Straße haben will. Eines ist schon schwer genug. Das klappt so nicht."

"Das grüne Ziel der Formel 1 ist nur eine Maskerade. Schön und gut, immerhin unternehmen sie etwas. Aber es ist kein fundamentales Umdenken", sagt der Brasilianer.

Keine vollständige Motorsport-Elektrifizierung

Eine umfassende Elektrifizierung des Motorsports sei hingegen auch keine ideale Lösung. "Das Problem ist, dass jetzt alle Veranstaltungen nachhaltig sein müssen. Denn sonst wollen Firmen nicht mehr mit ihnen in Verbindung gebracht werden", erklärt di Grassi. "Es gibt eine Menge Aktivismus. Greta (Thunberg) geht hin und sagt: 'Wir müssen aufhören mit dem Bergbau.' Aber wenn man damit aufhört, gibt es keine Satelliten mehr, keine Telefone, keine Autos - wie leben wir dann?"

"Der Grund, warum die Formel 1 diese Pläne ankündigt, ist der Druck von anderen Firmen. Sie kann sich diese Maßnahmen zwar leisten, allerdings hat das auch einen riesigen Einfluss auf andere Motorsport-Serien. Ich bin natürlich für die Elektromobilität. Aber Elektroautos passen nicht in jede Serie. Le Mans? Geht nicht. Wie kann man also Rennen fahren, aber weiterhin auf die Umwelt achten? Das ist knifflig."

Übrigens: Auch die Formel E kommt nicht ohne Emissionen aus. Im Jahr 2018 verursachte die Elektroserie rund 32.000 Tonnen CO2-äquivalente Emissionen - zum Großteil ebenfalls durch die Logistik. "Im ganzen Produktionsprozess ist es eben sehr schwer, die Netto-Null-Marke zu erreichen. Im Motorsport ist die Formel E aber mit Abstand die fortschrittlichste Serie." Di Grassi verspricht: "Wir versuchen, dieses Ziel in der nahen Zukunft zu erreichen."

Foto: Shivraj Gohil / Spacesuit Media

von Tobias Bluhm  

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