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Lucas di Grassi plötzlich 1. Verfolger: "So lange wie möglich Anschluss halten & auf Chance hoffen"

Als wir Lucas di Grassi bei der virtuellen Pressekonferenz nach dem zweiten Berlin-Rennen fragten, wie er als neuer Gesamtzweiter der Formel E den 68-Punkte-Rückstand auf Titelfavorit Antonio Felix da Costa aufholen wolle, fiel der Brasilianer aus allen Wolken: "Ich bin wirklich Zweiter?!" Ja, Lucas. Tatsächlich liegt der Audi-Fahrer nach sieben von elf Saisonläufen recht überraschend auf dem zweiten Meisterschaftsrang, wenngleich punktgleich mit Stoffel Vandoorne.

Grund dafür ist, dass sämtliche Titelaspiranten - ausgenommen Überflieger Felix da Costa - bislang eine "schwarze Woche" in Berlin erlebten. Mitch Evans, Alex Sims und Maximilian Günther, die vor dem Berlin E-Prix die ersten Verfolger von Felix da Costa waren, holten in Tempelhof bislang gemeinsam zwei magere Pünktchen. Während der Portugiese mit zwei Siegen davoneilte, schlossen andere Piloten wie Vandoorne, Sam Bird und Sebastien Buemi auf - und eben auch di Grassi.

Zwar darf der Brasilianer plötzlich wieder auf den Titel hoffen, doch weiß er auch, dass 68 Punkte Rückstand kein Pappenstiel sind, zumal der DS Techeetah derzeit kaum zu stoppen ist. "Antonio fährt auf einem ganz neuen Level, es wird hart für uns, ihn noch einzuholen", gibt di Grassi zu. "Aber es können immer Sachen wie zum Beispiel ein Batteriewechsel passieren… Wir wollen einfach so lange wie möglich den Anschluss halten und auf unsere Chance hoffen."

Erzrivale Buemi, der am Donnerstag als Zweiter vor di Grassi landete und im Gesamtklassement als Sechster nur fünf Punkte hinter ihm liegt, hat den Titel hingegen schon abgeschrieben: "Ich denke, die Sache ist mehr oder weniger durch", seufzt der Schweizer und verweist auf die Wettbewerbsvorteile, die DS Techeetah aktuell zu haben scheint.

Di Grassi & Frijns beschreiben "harten Zweikampf"

Selbst wenn seine Titelchancen nach wie vor überschaubar sind - am Donnerstag stieg Audi-Pilot di Grassi wie Phoenix aus der Asche. Beim ersten Lauf in Tempelhof war er noch von Startplatz 20 ins Rennen gegangen und kämpfte sich bis auf den achten Rang vor. Donnerstag lief es bereits im Qualifying deutlich besser. Startplatz 6 bedeutete eine gute Ausgangsposition, die di Grassi im Rennen wie gewohnt zu nutzen wusste und in einen dritten Platz umwandelte.

"In der Anfangsphase hatte ich eigentlich gedacht, dass ich gut mithalten kann. Durch den Attack-Mode habe ich Buemi aber verloren und musste dann gegen Frijns kämpfen, was Energie gekostet hat. Ich musste hart um das Podium fighten und bin am Ende ganz zufrieden", erklärt der 35-Jährige.

"Es gab ein Missverständnis mit meinem Team darüber, wie viel Energie ich noch übrig hatte", verrät er weiter. "Deshalb musste ich Robin (Frijns) dazu bringen, mehr Energie zu nutzen bei seinen Versuchen, mich zu überholen. Aber ich wusste auch, dass Stoffel direkt dahinter war - er hat mir tatsächlich geholfen. Denn so musste sich auch Robin verteidigen, um nicht von Stoffel überholt zu werden. Das habe ich ausgenutzt. Ich konnte sie hinter mir halten und habe einfach nur noch versucht, dieses Podium zu holen."

Und zwar mit harten Bandagen. Zweimal gerieten di Grassi und Frijns ordentlich aneinander. "Es war ein hartes Rennen", meint di Grassi. Doch auch Frijns, der sich letztlich mit Platz 4 zufriedengeben musste und dies auch tat, findet: "Der Zweikampf war ziemlich hart, echt am Limit. Im Grunde war er aber von beiden Seiten hart geführt. In Kurve 2 bin ich vielleicht ein bisschen weit rüber gerutscht." Frijns gibt demnach zu, dass der erste Kontakt unabsichtlich von ihm ausging, und hat Verständnis für das harte Verteidigungsmanöver di Grassis wenige Kurven später.

"Ein paar kleine Dinge haben zu großen Fortschritten geführt"

Diesen gesunden Wettbewerb schätzt auch di Grassi: "Das Rennen heute hat gezeigt, wie hoch das Niveau ist. In den ersten zwei, drei Saisons hatten wir drei oder vier Teams, die miteinander gekämpft haben. Inzwischen sind es fast alle. Es ist sehr schwierig, aufs Podium zu kommen, deshalb bin ich sehr happy, Dritter geworden zu sein. Wenn man in der Formel E auf dem Podium steht, dann war es ein guter Tag."

Den Leistungssprung seit Mittwoch will di Grassi allerdings auch nicht überbewerten: "Wir haben über Nacht hart gearbeitet und das Auto gegenüber gestern deutlich verbessert. Dabei haben wir aber nicht das Rad neu erfunden, sondern viele kleine Dinge von der Software bis hin zum Setup verbessert. Ein paar kleine Dinge haben zu großen Fortschritten geführt."

"Trotzdem war das Rennen erneut ein hartes Stück Arbeit. Das Auto war nicht wirklich gut heute", sagt di Grassi. "Zu Beginn des Rennens war die Pace noch gut, aber dann ging plötzlich sowohl die Energie als auch die Balance flöten. Ich war nicht zufrieden. Es war viel besser als gestern, aber wir haben immer noch viel Arbeit vor uns."

Einen Tag hat Audi nun Zeit, um sich weiter zu verbessern und den Abstand zu DS Techeetah zu verringern. Womöglich hat di Grassi dann ja doch noch Chancen auf den Titel - vier Rennen und 120 Punkte stehen noch aus. Am Samstag erwartet die Formel E eine neue Streckenkonfiguration. Dann fährt Audi auf jener Piste von 2019, auf der die Ingolstädter in der Vergangenheit große Erfolge feierten. "Dass wir den Kurs in Berlin ab Samstag andersherum fahren, sollte uns entgegenkommen", meint auch di Grassi.

Foto: Audi Communications

von Timo Pape  

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