Formula-E-Montreal-Canada

Montreal: Anwohner äußern Unmut über Formel-E-Rennen

Für Formel-E-Fans vor dem heimischen Fernsehbildschirm wirkte das Finalwochenende der dritten Saison in Montreal wie ein weiteres überaus gelungenes Elektro-Event. Neben der ausgelassenen Meisterschaftsfeier von Lucas di Grassi und seinem ABT-Team bot der Straßenkurs um den Radio-Canada-Wolkenkratzer nicht nur viel Lackaustausch und beinharte Zweikämpfe, sondern auch erstklassiges Racing. Doch trotz schöner Bilder und exzellenter Werbung für die Stadt sind die Montrealer unzufrieden - denn sie sind es, die für die Formel E zahlen müssen.

So verfügte Montreals Bürgermeister Denis Coderre, der in den vergangenen zwei Jahren schwer für die Austragung eines Formel-E-Laufs in Kanada kämpfte, dass das Rennen mithilfe von Steuergeldern finanziert werden soll. Eigentlich übernimmt die Elektroserie gemeinsam mit lokalen Eventveranstaltern alle Kosten selbst. Mehrere Millionen kanadische Dollar soll der ePrix die Stadt gekostet haben. Kein Wunder, dass das die Steuerzahler verärgert…

"E steht für exquisit. E steht für Ego", schreibt beispielhaft ein Kolumnist für 'CTV News'. "Wir können das Formel-E-Rennen schönreden oder der Wahrheit ins Gesicht schauen: Der Montreal ePrix war ein Fluch und kein Segen für unsere Stadt. Wir wollen Antworten von Herrn Coderre."

Bürgermeister zufrieden, auch wenn "nicht alles nach Plan lief"

Coderre gesteht sich selbst ein: "Natürlich gibt es Dinge, die wir verbessern müssen. Es lief bei Weitem nicht alles nach Plan", so der 54-Jährige auf einer Pressekonferenz kurz nach dem Rennen. Allgemein ist er jedoch mehr als zufrieden: "Dafür, dass es das erste Mal für uns war, war das Event wirklich außergewöhnlich und hat alle Erwartungen übertroffen. Das vorhergesagte Chaos kam nicht."

Und: "Es ist keine Frage von Ego, sondern von Ambition." Kleinere Unannehmlichkeiten wie Verkehrsbehinderungen seien normale Nebeneffekte von Großveranstaltungen. Auch die hohen Kosten versuchte der ehemalige Parlamentsabgeordnete zu legitimieren: "Das sind für mich keine Ausgaben, sondern Investitionen."

Rennen noch teurer als gedacht

Ursprünglich stellte die Stadt der Formel E ein Budget von knapp 24 Millionen kanadischen Dollar zur Verfügung. Damit sollten alle Kosten, inklusive einiger ohnehin längst überfälliger Straßensanierungen und der Anschaffung von Fangzäunen und Betonwänden, gedeckt werden (wir berichteten). Wie 'La Presse' nun jedoch schreibt, wird diese geschätzte Summe in den nächsten Wochen noch weiter steigen.

Für den Auf- und Abbau, die Sicherheitsdienste, den Dauereinsatz von Polizeikräften und Feuerwehrleuten und Entschädigungszahlungen für Anwohner aufgrund der blockierten Parkplätze sollen noch einmal weitere drei Millionen Dollar fällig werden. Der Stadtrat stimmte kürzlich vorsorglich einer Finanzspritze von 5,3 Millionen Dollar zu, falls noch weitere Unkosten auftreten.

Die Quebecer Ausgabe der 'Huffington Post' rechnete inzwischen aus, dass die Stadt mehrere Millionen Dollar hätte sparen können, wenn das Formel-E-Rennen auf den Circuit Gilles Villeneuve, wo auch die Formel 1 jährlich den Großen Preis von Kanada austrägt, verlegt worden wäre. Statt 27 Millionen hätte das Event dort wegen der bereits bestehenden Infrastruktur "nur" zwischen 16,5 und 21,5 Millionen Dollar gekostet. Über die sportliche Durchführbarkeit eines Formel-E-Rennens auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke wurde nicht gesprochen.

Dabei brachte die Formel E nicht nur Unheil über die kanadische Metropole. Die Straßensanierungen waren längst überfällig und auch die Betonwände können für andere Zwecke verwendet werden, wie die Stadt Berlin im vergangenen Dezember bewiesen hat. Den durchschnittlichen Steuerzahler, der nichts mit dem Stadtviertel zu tun hat, dürfte das aber wenig kümmern…

Montrealer wollen Umzug auf Formel-1-Strecke

Dabei haben die wenigsten Montrealer per se etwas gegen die Formel E einzuwenden. In einer repräsentativen Umfrage von 'TVA Nouvelles' und 'Leger' unterstützten ganze 60 Prozent der Befragten den Lauf der Elektroserie in der Stadt, nur 31 Prozent befürworteten das Event nicht. Fast ebenso viele Teilnehmer (57 Prozent) fanden jedoch auch, dass das Rennen schlecht geplant war. Ein Großteil der Teilnehmer hätte sich eher die billigere Alternative auf dem Formel-1-Kurs gewünscht. Generell findet die Elektroserie jedoch auch bei den Einheimischen Zuspruch.

Ausgenommen davon sind zweifelsohne die Besitzer von Geschäften und kleinen Lokalen in unmittelbarer Nähe zur Strecke: Nachdem sie schon am Rennwochenende auf wichtige Einnahmen verzichten mussten, verzögerten sich nach dem Rennen auch noch die Abbauarbeiten der Tribünen um mehrere Tage.

Das Fischgeschäft La Mer, das während des Rennens komplett unter einer Tribüne der Elektroserie verschwand, büßte während des Formel-E-Gastspiels über eineinhalb Wochen fast die kompletten Einnahmen ein. Eine Kompensation der Stadt gab es dafür nicht: "Der Abbau war noch viel schlimmer organisiert als der Aufbau", klagt der Besitzer beim Radiosender 'Energie Montreal'.

Oppositionspartei schießt gegen Coderre

Besonders laut sind die Beschwerden erwartungsgemäß aus der Oppositionspartei Projet Montreal, die im November bei den Kommunalwahlen Coderres liberale Partei im Stadtrat ablösen will. Valerie Plante, die an der Spitze der Wahlkampagne von Projet Montreal steht, sprach sich im öffentlichen Fernsehen deutlich gegen das Formel-E-Rennen aus.

Ob die Zukunft des kanadischen ePrix - sollte Plante die Wahl gewinnen - womöglich deswegen in Gefahr ist, bleibt abzuwarten. Für den Moment besitzt die Formel E ein Übereinkommen mit Montreal, dass die Serie bis einschließlich 2020 in Kanada gastieren darf - mit einer Option für drei weitere Jahre im Anschluss.

von Tobias Bluhm  

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Kommentar von Tobias Wirtz |

Es ist offensichtlich überall auf der Welt das gleiche - die Grundidee der Formel E, die Rennen zu den Menschen in die Großstädte zu bringen, klingt zwar sehr interessant, bringt aber besonders für Anwohner und Geschäftsleute unmittelbar im Bereich der Strecke viele Probleme mit sich, die diese nicht zu akzeptieren gewillt sind.

Bei anderen Veranstaltungen (Marathons, Fahrrad-Sternfahrten etc.), die ähnliche Einschränkungen mit sich ziehen, ist dies etwas anderes, da die Vor- und Nacharbeiten in sehr kurzer Zeit abgeschlossen sind, die Auf- und Abbauarbeiten für einen ePrix nehmen jedoch nicht selten drei bis vier Wochen in Anspruch.

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