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Nissan-Motorsport-Chef Carcamo im Interview: "Formel-E-Planungen laufen seit 2 Jahren"

Nissan übernimmt mit seiner Motorsportabteilung Nismo in der kommenden Formel-E-Saison die Herstellerlizenz von Allianz-Partner Renault. DAMS zeichnet indes weiterhin für die Einsätze an der Rennstrecke verantwortlich. Jean-Paul Driot kaufte im Vorfeld der anstehenden Trennung von Renault die Anteile des Rennstalls zurück, die Renault-Markenbotschafter Alain Prost vor einigen Jahren erworben hatte.

Im Rahmen des Paris E-Prix trafen wir Nissan-Motorsport-Direktor Michael Carcamo (links im Bild). Nach einem Maschinenbau-Studium an der Tufts University in Boston ging Carcamo im Februar 1997 als Motoreningenieur zu Ilmor, wo er an Motoren für die Rennserien CART, ChampCar und IRL arbeitete. 2002 wechselte er zu Nissan, durchlief dort verschiedene Stationen und stieg schließlich ins Management auf. Nach sechs Monaten als Teamchef des Nismo-LMP1-Teams wurde er im April 2016 zum "Global Motorsport Director" des japanischen Autobauers ernannt. Im Exklusiv-Interview mit 'e-Formel.de' spricht Carcamo über den anstehenden Formel-E-Einstieg.

Wie lief die Vorbereitung auf den Formel-E-Einstieg bislang?

Nun, man muss wissen, dass wir den Einstieg bereits seit einiger Zeit vorbereiten. Die Planungen hierfür laufen seit rund zwei Jahren. Wir haben die Entwicklung der Formel E sehr genau beobachtet und unsere Entwicklung auf den Technischen Fahrplan der Serie ausgerichtet. Als wir dann im September 2017 die zweite Generation unseres Elektroautos Nissan Leaf auf den Markt gebracht haben, war dies der optimale Zeitpunkt, unseren Einstieg (in die Formel E) anzukündigen. Aber wir arbeiten schon deutlich länger daran.

Seit wann interessiert sich Nissan für die Formel E?

Vom allerersten Tag an. Nissan hat sich sogar die ursprünglichen Ausschreibungen zur Entwicklung der Batterie und des Chassis angeschaut. Leider waren wir zu diesem Zeitraum so sehr mit anderen Projekten beschäftigt, dass ein Einstieg nicht für uns infrage kam.

Sie meinen das LMP1-Projekt?

Das auch, aber wir hatten darüber hinaus im Unternehmen ein Elektroauto-Projekt, das sehr groß und umfangreich war und viele Ressourcen im Bereich der Elektro-Technologie gebunden hat. Wir haben trotzdem an den ersten Technik-Meetings der Formel E teilgenommen und wussten daher, was vor sich ging. Wir waren danach immer auf der Suche nach dem richtigen Zeitpunkt, um einzusteigen. Und Saison 5 ist der perfekte Zeitpunkt.

Gab es denn bei der Entwicklung unerwartete Schwierigkeiten? Oder läuft alles nach Plan?

In jedem Projekt, in dem es um Entwicklung geht, hat man unterschiedliche Risikostufen für verschiedene Teile des Projektes. Wir haben ein Standard-Entwicklungsprotokoll zur Arbeit an der Technologie und den Teilen angewendet. Natürlich laufen da auch einmal Dinge nicht ganz so, wie geplant. Diese haben wir überarbeitet und dann neue Teile entwickelt. Man weiß vor dem Renneinsatz nie so genau, wo man steht, aber wir hatten zwei erfolgreiche Hersteller-Testfahrten in Monteblanco und Calafat. Ich glaube, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Aktuell führt ein Renault-Kundenteam die Meisterschaft an, der Antrieb ist offensichtlich sehr stark. Basiert der Nissan-Antrieb auf dem aktuellen Antrieb von Allianz-Partner Renault? Wie stark ist Renault noch an der Entwicklung beteiligt?

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass sich die Regeln zur fünften Saison massiv verändern: Die Motoren leisten 250 kW, die Batterie ist deutlich größer, und auch die Strategie im Rennen wird eine komplett andere sein. Dies ist ein ausschlagender Aspekt für den Zeitpunkt unseres Einstiegs, denn beim Design und der Integration des Motors in das Chassis beginnen wir mit einem weißen Blatt Papier. Aber natürlich wären wir dumm, wenn wir nicht auf die Erkenntnisse zurückgreifen würden, die in den letzten vier Jahren gewonnen wurden. In einer Allianz ist es wichtig zu teilen, so wie wir es bei der Entwicklung von Straßenfahrzeugen bei Plattformen, Technologie, Werkzeugen und Simulationen tun. Natürlich haben wir das auf jede mögliche Weise auch bei diesem Projekt getan.

Also haben auch Renault-Ingenieure am neuen Antriebsstrang mitgearbeitet?

Wir haben die besten verfügbaren Ressourcen von überall verwendet.

Können Sie uns schon etwas über den Teamnamen verraten? Nissan oder doch Nismo? Mit oder ohne e.dams?

Die aktuelle Saison läuft noch bis Juli. Wir planen eine große Teampräsentation, bei der wir unser Team vorstellen. Einen Ausblick darauf hat es ja schon beim Genfer Autosalon gegeben, da haben wir bereits unsere Lackierung präsentiert. Wir freuen uns schon sehr darauf, das Team, die Fahrer und noch vieles mehr der Öffentlichkeit zeigen zu können. Aber das werden wir erst nach dem Ende der vierten Saison machen, damit wir unseren eigenen Platz haben können.

Wie stehen denn die Chancen, einen Nissan-Werksfahrer im Nissan fahren zu sehen? Ich habe hier eben schon Jann Mardenborough getroffen

Man kann damit rechnen, dass wir nach den besten Fahrern suchen werden, die wir bekommen können. Die Serie ist auf einem enorm hohen Niveau, und die Fahrer haben einen großen Einfluss auf die Rennen. Glücklicherweise hat das Team viel Erfahrung und viel Glück mit einigen ihrer Fahrer. Wir haben Fahrer von unserer Akademie, und wie du gesagt hast, professionelle Fahrer in der Super GT und anderen Rennserien. Wir können uns also glücklich schätzen, da wir einen großen Pool haben, aus dem wir Fahrer auswählen können. Aber noch ist keine Entscheidung getroffen. Die aktuelle Saison läuft ja auch noch, daher wollen wir die aktuellen Fahrer sie beenden lassen. Danach arbeiten wir an unserer Saison.

Wie können die Straßenfahrzeuge von Nissan vom Formel-E-Einstieg profitieren? Technologietransfer ist einer der Hauptgründe dafür, dass einige andere Hersteller wie Porsche und Mercedes in die Formel E einsteigen.

Genau das ist der Punkt: Sie starten nicht nur mit der Formel E, sondern mit der Elektromobilität an sich. Wir hingegen entwickeln bereits seit 70 Jahren Elektroautos - 1947 bauten unsere Ingenieure den ersten Pkw mit Elektroantrieb in Japan. Wir sehen den Technologietransfer in beide Richtungen. Wir wollen beim Einstieg in die Formel E das Wissen anwenden, das wir aus mehr als 200.000 verkauften Nissan Leafs auf der ganzen Welt gewonnen haben. Die Menge an Testkilometern, die Werkzeuge, die Simulationen, das Batterie-Management - das alles wird jetzt bei der Vorbereitung verwendet. Sobald wir dann Rennen fahren, erwarten wir, dass unsere Lernkurve im Bereich der Elektromobilität stark ansteigt. In dieser Serie geht es um Technologie - nicht nur um Elektromotoren, sondern auch die Vernetzung von Fahrzeugen. Ich denke, deshalb ist die Formel E die perfekte Plattform, um der Welt zu zeigen, was Nissan im Bereich Technologie leistet. Das tun wir mit unserer Plattform Nissan Intelligent Mobility.

Neben der Formel E kommen auch andere Rennserien, bei denen mit Elektroantrieben gefahren wird. Die Electric GT, die nun EPCS heißt, beginnt zwar mit Fahrzeugen von Tesla, will jedoch auch ausdrücklich andere Hersteller zum Einstieg bewegen. Käme ein Einstieg von Nissan infrage?

Ich denke, dass wir einen Schritt nach dem anderen machen werden. Es ist schwierig, gleichzeitig in mehreren Serien einzusteigen. Wir wollen eine Sache machen, diese aber richtig.

Foto: Nissan

von Tobias Wirtz 

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