Formel E

Analyse: Das bedeuten die Ausstiege von Audi & BMW für Fahrer, Teams & Formel E

Timo Pape

Timo Pape

Die Formel E hat überraschend binnen 48 Stunden zwei große Hersteller verloren. Die Ausstiege von Audi und BMW haben hohe Wellen in der Welt des Motorsports geschlagen und die Frage aufgeworfen: Gerät die Formel E ins Wanken? Vermutlich nicht, sofern nicht noch weitere Hersteller abspringen. Dennoch ziehen die Entscheidungen zahlreiche Konsequenzen nach sich.

Unmittelbar betroffen sind die Mitarbeiter der Werksteams von Audi und BMW. Sie werden nach dem Ende der Saison 2021 voraussichtlich neue Rollen in ihren Unternehmen einnehmen und müssen sich wohl großteils von der Formel E verabschieden. Eine Sonderrolle dürften die Fahrer genießen, denn sie haben die Möglichkeit, sich mit guten Leistungen bei anderen Teams zu bewerben und das Team zu wechseln.

Konsequenzen für Fahrer: Lucas di Grassi "würde gern in der Formel E bleiben"

Gute Chancen auf ein neues Cockpit ab Saison 8 hat sicherlich Lucas di Grassi, der zu den besten und erfolgreichsten Piloten der Serie zählt. "Ich würde gern in der Formel E bleiben. Aber nicht zwangsläufig mit Envision Virgin. Ich muss die Möglichkeiten mal diskutieren", sagt er gegenüber 'Motorsport.com'. "Natürlich liebe ich es, in der Formel E zu fahren, hier zu sein - es fühlt sich wie zu Hause an. Wenn ich die Möglichkeit bekomme, meine Karriere in der Formel E fortzuführen, werde ich es versuchen."

Gleichzeitig hat di Grassi via Twitter bereits sein Interesse an den neuen Audi-Programmen bekundet: "Meine Beziehung zu Audi bleibt langfristig bestehen. Ich bin seit zehn Jahren bei Audi und freue mich auf neue Herausforderungen. Meine Audi-Karriere begann 2012 im LMP1-Prototypen-Programm, wo ich bis 2016 gefahren bin. Ich träume noch immer davon, den Le-Mans-Titel zum ersten Mal nach Brasilien zu holen. Mein voller Fokus liegt aber nun darauf, erneut in der Formel E zu gewinnen."

Rene Rast: "Wir alle müssen das akzeptieren"

Sauer auf Audi ist di Grassi indes nicht: "Natürlich wünschte ich, Audi würde in der Formel E bleiben. Aber es ist eine Unternehmensentscheidung, eine Strategie. Der Motorsport besteht aus Zyklen. Das sieht man ja auch bei den meisten Formel-1-Teams. Sie kommen, sie gehen, sie kommen zurück. Ich hege keinen Groll."

Auch sein neuer Teamkollege Rene Rast gibt sich entspannt - obwohl er gerade erst in der Formel E angekommen ist. Bei einer Pressekonferenz in Valencia sagte er mit einem gewissen Galgenhumor: "Für mich ist es natürlich schade, dass Audi schon nach der nächsten Saison geht. Es gibt sicherlich Gründe dafür, und wir alle müssen das akzeptieren."

"Es ist nicht das erste Mal, dass ein Programm gestoppt wird, in dem ich aktiv bin", erklärt er. "Ich bin also gewissermaßen schon daran gewöhnt (lacht)." Damit spielt Rast auf Audis Entscheidung vor gut einem Jahr an, aus der DTM auszusteigen. Der Mindener beendete das Kapitel DTM erst vor wenigen Wochen mit seiner dritten Meisterschaft.

Max Günther: "Nachricht über Formel E-Ausstieg von BMW überraschend und sehr schade"

In einer ähnlichen Situation wie Rast befindet sich BMW-Youngster Jake Dennis. Auch der Brite wurde gerade erst von BMW als Stammfahrer für die kommende Formel-E-Saison 2021 eingesetzt. Er wird die anstehende Meisterschaft - genau wie Rast - nutzen müssen, um sich anderweitig zu empfehlen, sofern er auch in Saison 8 in der Formel E fahren will.

Sein BMW-Teamkollege Maximilian Günther steht ebenfalls vor einer ungewissen Zukunft, wenngleich der Allgäuer bereits in der Formel E bewiesen hat, dass er Siege einfahren kann. Er dürfte ebenso wie Lucas di Grassi durchaus bei einigen Teams auf der Wunschliste stehen und gute Chancen haben, ein neues Cockpit zu ergattern.

"Die Nachricht über den Formel-E-Ausstieg von BMW nach der Saison 2021 kommt überraschend und ist sehr schade", sagt Günther. "Unsere Ambitionen für die neue Saison in der FIA Formel E Weltmeisterschaft sind davon unberührt. Der Fokus liegt auf meinen anstehenden Aufgaben im Jahr 2021 und ich kann es nach den erfolgreichen Testtagen in Valencia (Günther beendete die Testwoche als Schnellster) kaum erwarten, endlich wieder Rennen zu fahren."

Konsequenzen für Kundenteams: Virgin fährt zunächst weiter mit Audi-Motoren

Direkt vom Audi-Ausstieg betroffen ist auch das Audi-Kundenteam Envision Virgin Racing. Trotzdem zeigt sich Teamchef Sylvain Filippi entspannt: "Das ist schon verrückt für uns, denn es ist eine sehr weitreichende Entscheidung von ihnen. Aber auf uns hat das eigentlich gar nicht so große Auswirkungen", erklärt er bei 'The Race'. "Audi hat direkt ganz klar gesagt, dass sie vorhaben, uns als Kundenteam weiterhin zu unterstützen. Solange sie das tun, ist für uns alles okay." Nichtsdestotrotz muss sich Virgin spätestens für die neunte Saison (2022/23) - den Start der Gen3-Ära - einen neuen Hersteller suchen. Noch ist nicht abzusehen, wer dies sein könnte.

"Wir sind komplett frei in unserer Entscheidung", erklärt Filippi. "In anderen Serien ist ein Kundenteam-Status sicherlich die unattraktivste Option mit Blick auf die Leistungsfähigkeit. In der Formel E hat man zwar den Nachteil, nicht annähernd so viel testen zu können, aber wir haben gezeigt, dass man trotzdem sehr erfolgreich sein kann. Und das Business-Modell funktioniert auch." Tatsächlich holte Virgin als Audi-Kundenteam vier E-Prix-Siege - das Werksteam in dieser Zeit hingegen nur zwei.

Filippi kann sich verschiedene Modelle für die Zukunft vorstellen und wäre auch offen für einen ganz neuen Hersteller. "Es würde mich freuen, als Werksteam zu arbeiten, aber wir können auch genauso gut als Kundenteam eines Herstellers antreten. Wir haben also einige Optionen. Gen3 wäre für uns ohnehin eine Art Neustart geworden."

Die Möglichkeiten für den Rennstall Andretti Autosport, der die Renneinsätze für BMW durchführt, haben wir bereits in einem eigenen Artikel beleuchtet. Die US-Amerikaner werden in Saison 8 voraussichtlich als neues BMW-Kundenteam antreten.

Konsequenzen für die Formel E: der erste große Rückschlag

Für die Formel E sind die Ausstiege der beiden deutschen Automobilgiganten ein Schlag ins Gesicht. Der erste große Rückschlag seit Jahren. Bislang ging es stets bergauf - keine andere Serie im globalen Motorsport wuchs so schnell und hat so viele Hersteller angelockt. Nun brechen jedoch zwei Säulen wegen. Klar, die Formel E hat immer noch genügend Hersteller an Bord, um zu überleben. Erst kürzlich bekannten sich Mercedes, Porsche, Jaguar und Mahindra öffentlich zur Formel E und werden ihr erhalten bleiben.

Trotzdem muss sich die Formel E sorgen, denn die Ausstiege haben eine nicht zu unterschätzende Signalwirkung für die ganze Branche. Die verbliebenen Automobilhersteller dürften ihr Formel-E-Programm nun noch kritischer begutachten als vorher. Gleiches gilt für Partner und Firmen, die sich im Umfeld der Elektroserie betätigen.

Denn auch die Corona-Pandemie sorgte in den vergangenen Monaten für schlechte Stimmung hinter den Kulissen, weil kaum Rennen stattfinden konnten. Das Bedürfnis nahezu aller Stakeholder, bei einem Event im Stadtzentrum mit einer neuen Zielgruppe in Kontakt zu treten, konnte nicht befriedigt werden. Nach unseren Informationen überlegt mindestens ein anderes großes Unternehmen aus Deutschland, den Stecker zu ziehen. Die Geduld einiger Beteiligten schwindet.

Hopp oder Top? Vieles hängt von COVID-19 ab

Vieles wird von den kommenden Monaten abhängen: Kann die Formel E wieder in die Stadtzentren zurückkehren, oder macht COVID-19 ihr erneut einen Strich durch die Rechnung? Die Rennen in Mexiko-Stadt und Sanya wurden bekanntlich schon ausgesetzt. Entscheidend dürfte es jedoch ab April werden, wenn die politisch wichtigen E-Prix in Rom, Paris und Monaco auf dem Plan stehen.

Eine andere wichtige Deadline verstreicht übrigens schon früher: Bis zum 31. März 2021 müssen sich alle interessierten Hersteller für das künftige Gen3-Regelwerk einschreiben, das ab Ende 2022 greifen wird. Bislang hat nur Mahindra öffentlich bekannt gegeben, auch ab Saison 9 weiterhin am Start zu sein. Die meisten anderen Hersteller (außer Audi und BMW) werden sicherlich folgen.

Laut Seriengründer Alejandro Agag stehen neue Teams und Hersteller bereits Schlange. Mal sehen, wer die Plätze der beiden deutschen Riesen einnehmen wird. In jedem Fall wird 2021 ein entscheidendes Jahr für die Formel E.

Foto: Audi Communications

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